Freitag, 19. Juni 2009

5. Erkenntnis

Da saß ich also.
Chris aß ein Stück Torte – also ob sein Blut nicht schon süß genug riechen würde - und blinzelte mich fragend an.
„Und, du willst wirklich nichts essen? Die Torte ist echt toll.“ sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe keinen Hunger.“ sagte ich.
Zuminderst nicht auf DAS. Widerlich.
„Also…“ begann er dann, nachdem er sich ein weiteres Stückchen dieses ekelhaften Etwas in den Mund geschoben und hinunter geschluckt hatte.
„Erzähl mir mal ein bisschen von dir.“
Nun, ich bin ein über 170 Jahre alter Vampir und es dürstet mich nach deinem Blut. Wahrscheinlich werde ich dich bald töten.
„Ich lebe mit meinem Bruder zusammen – er ist meine einzige Familie. Meine Eltern starben vor Jahren bei einem Autounfall.“
Sein sonst so fröhliches Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an.
„Das tut mir wirklich leid.“ sagte er dann vorsichtig, sein Mitleid schwang in jedem Wort mit.
Wieder dieses dumpfe Gefühl in meinem Magen. Es tat mir leid, ihn anlügen zu müssen. Und für diese Lüge auch noch unverdientes Mitleid zu bekommen. Das war wirklich gemein.
Aber die Wahrheit war schlimmer. Viel schlimmer. Und zu meiner – und Roberts – Sicherheit musste ich mich an diese Geschichte halten.
„Jetzt verstehe ich aber zuminderst, wieso dir dein Bruder so wichtig ist.“ sagte er schließlich und seine gute Laune eroberte langsam sein Gesicht wieder.
Ja, so muss es für Außenstehende aussehen. Natürlich würde ich an meinem Bruder hängen - nach so einem Erlebnis.
„Aber sag einmal… wieso ist er denn auch im 1. Semester?“ fragte er dann noch.
Aufmerksam war er also auch noch. So etwas war für uns immer gefährlich.
„Er hat zuerst seinen Zivildienst abgeleistet.“ sagte ich.
Eine praktische Ausrede. Niemand würde es anzweifeln.
„Ach so.“ sagte er und lachte.
„Und du? Erzähl mir von dir.“ sagte ich dann - bevor er weiter nachfragen konnte.
Ich mochte es nicht zu lügen und wenn seine Fragen zu sehr in die Tiefe gingen würde ich mich womöglich noch in Widersprüche verwickeln.
„Nun, meine Schwester hast du ja schon kennen gelernt.“ sagte er und grinste.
Oh ja, habe ich. Aber SIE MICH noch mehr.
„Ich habe noch einen 7 Jährigen Bruder, Peter. Wir wohnen zusammen mit unseren Eltern in Sooss.“
Eine Familie. Wie jeder Mensch sie hatte. Irgendwie beneidenswert.
„Obwohl er noch nicht mal richtig lesen kann, ist er schon genauso in Computer vernarrt wie ich. Mum sagt immer, das hat ihr noch gefehlt. Als wäre einer nicht schlimm genug.“
Er lachte und seine Augen strahlten als er von seiner Familie erzählte – er musste sie wirklich lieb haben. Beneidenswert. Wirklich.
„Scheint so, als würdet ihr euch alle gut verstehen.“ sagte ich und konnte dabei meine Betrübtheit nicht ganz verstecken.
Er bemerkte das und sagte schließlich vorsichtig: „Das tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen. Es muss immer noch schwer für dich sein.“
Natürlich, das passte. Jeder hätte so eine Reaktion von mir erwartet nachdem ich erzählt hatte, dass ich meine Eltern verloren hatte. Wieso hatte ich nicht daran gedacht?
War ich etwas wirklich traurig, keine Familie zu haben? Ich kann mich nicht erinnern in den letzten 150 Jahren etwas vermisst zu haben, ich hatte doch Robert. Ich war nicht alleine.
Trotzdem, der Gedanke eine Familie zu haben…
Eine Mutter, die sich um einen kümmert und nicht nur darauf bedacht ist einem möglichst ‚gewinnbringend’ zu verheiraten hatte etwas Schönes. Etwas sehr schönes.
Einen Vater, der nicht nur kühl und distanziert ist, einem offen zeigt wie enttäuscht er doch ist, keinen Jungen bekommen zu haben. Keinen Stammhalter.
Wunderschön musste das sein…
Und Geschwister mit denen man tollen und lachen kann.
Ein Traum.
Plötzlich spürte ich eine warme Berührung auf meiner Hand und es fühlte sich an als würde mich ein Blitz durchzucken.
Ich schaute auf und sah. dass Chris sanft meine Hand berührt hatte, die regungslos auf dem Tisch lag. So in Gedanken versunken wie ich war, hatte ich seine Absicht, mich zu berühren, nicht erkannt.
Ein Fehler. Ein unverzeihlicher Fehler!
Wir durften uns nie erlauben, Menschen, die wir nicht töten wollten, so nahe kommen zu lassen.
An bewölkten Tagen sah unsere Haut noch irgendwo menschlich aus, aber ANFÜHLEN würde sie sich nie so. Sie war kalt – eiskalt – und hart wie Stein.
Ich starrte Chris schockiert an und wartete drauf dass er entsetzt seine Hand zurückzog – angewidert von meiner Andersartigkeit.
Doch wann tat Chris schon was ich von ihm erwartete?
Er hielt meine Hand jetzt schon seit zwei Sekunden und es schien so, als wollte er sie in nächster Zeit auch nicht loslassen.
„Stört dich das?“ fragte er vorsichtig und blickte auf die Hand, die er hielt.
Stört DICH das nicht?
Ja, das hätte ich ihn jetzt wirklich gerne fragen wollen. Konnte ich aber nicht.
„Nein.“ sagte ich.
Im Gegenteil. Seine Berührung war so weich und zart – zarter als ich es je gespürt hatte.
Konnte ein Vampir Schmetterlinge im Bauch haben? Mein Bauch fühlte sich so an.
Wie in aller Welt konnte das sein? War das überhaupt möglich? Konnte ich etwas für diesen zerbrechlichen, kurzlebigen Menschen-Jungen empfinden?
Er schaute mir tief in die Augen und es fühlte sich an, als würde ich in diesem wundervollem Grün versinken.
Ja, es war möglich. Ich empfand etwas für diesen Jungen. So verrückt es auch war.
Wo sollte das nur hin führen? Das durfte nicht sein. Ich musste die Notbremse ziehen, so lange es noch möglich war.
Ich hatte bei Robert gesehen, wie die dauerhaft die Liebe bei meinesgleichen war. Würde ich mich wirklich in Chris verlieben, dann würde ich ihn für den Rest meines ewigen Lebens lieben.
„Möchtest du noch ein bisschen spazieren gehen?“ fragte er schließlich als er meine Hand los ließ – sein Blick haftete aber immer noch auf mir.
Nein! hätte die richtige Antwort lauten sollen.
Nicht nur für mich, sondern für ihn. Was konnte es gefährlicheres geben als einen Vampir, der einen liebt?
„Ja, gerne.“ sagte ich und erkannte meine Stimme fast nicht, so weich klang sie.
Idiot! Idiot! Idiot! schrie ich mir selbst in Gedanken zu.
Er zahlte und wir standen beide auf.
Langsam machten wir uns in Richtung eines nahen Parks auf. So gingen wir eine Zeit lang nebeneinander her. Keiner von uns sagte ein Wort.
Ich nicht, weil ich nicht wusste, was ich hätte sagen sollte. Die Gefühle, die mich durchfluteten, waren unbeschreiblich. Niemals hatte ich je etwas Vergleichbares empfunden.
Und er? Ich wusste es nicht. Konnte es sein, dass er ebenso empfand wie ich?
Nein, konnte es nicht. Durfte es nicht. Um seinetwillen durfte es nicht sein. Es war schon schlimm genug, wenn ich unglücklich sein musste.
Eigentlich hätte ich mich umdrehen sollen und verschwinden. Das wäre das einzig Richtige gewesen – für uns beide. Bevor ich ihn wirklich liebte. Bevor das Schicksal seinen Lauf nahm.
Ich schaute zu ihm hinüber, sah wie der Wind mit seinen Haaren spielte und ein warmes Gefühl durchströmte meinen eisigen Körper.
War es etwas schon zu spät? Liebte ich ihn schon?
Er lächelte mich an.
Ja, das war es. Ich liebte ihn. Und ich würde ihn für immer lieben.
Ich war verflucht. Was für ein grausames Schicksal würde mich erwarten?
Aber das war mir im Moment egal – das Einzige, das zählte, war er. Niemals durfte ich zulassen, dass ihm etwas zustößt. Niemals durfte ich zulassen, dass ich ihm etwas antat. Meine Gefühle waren im Vergleich dazu bedeutungslos.
„Ähm, ich glaube, die Vorlesung meines Bruders ist jetzt wohl schon aus.“ sagte ich und schaute weg. Ich wagte es nicht, ihn anzusehen.
Möglicherweise – nein, sogar ganz sicher – hätte es den Entschluss, den ich gerade gefasst hatte, ins Wanken gebracht.
„Oh, ja, sorry – ich habe ganz drauf vergessen.“ sagte er verlegen.
„Ich bringe dich zurück.“ sagte er dann noch.
„Nein, ist schon ok.“ entgegnete ich.
Ich durfte nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen, wenn das nicht ein furchtbares Ende finden sollte.
„Ah, ok, bis morgen dann!“ sagte er etwas enttäuscht.
„Ja…“ rief ich ihm schon im Gehen zu – immer noch ohne ihn anzusehen.
Ich hätte es nicht ertragen.
„…bis morgen!“ vollendete ich den Satz.
Es war eine Lüge. Ich durfte ihn nicht wieder sehen. Niemals!
Hätte ich weinen können, hätte ich es getan während ich mich halbblind zur Universität zurückschlug

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schon aml Blut gerochen? Blut riecht nicht süß, eher metallisch...

Chinda-chan hat gesagt…

Nun, es handelt sich hierbei um eine Twilight-FanFiction.
Und die Twilight-Vampire - wie man den Büchern entnehmen kann - empfinden den Geruch von Blut als süß.
Was wäre das für eine FF, wenn ich so mit dem Original brechen würde? ;-)