Freitag, 19. Juni 2009

5. Der verhängnisvolle Unterricht

„Hört Ihr überhaupt zu?“ donnerte Dorothea und ich schreckte auf.
Eine Sekunde lang sah ich sie verwirrt an und dann hätte ich gehofft ‚Ja’ sagen zu können. Aber das wäre eine Lüge gewesen. Ich war mit meinen Gedanken ganz wo anders – um genau zu sein bei der vergangenen Nacht und ich stellte mir immer und immer wieder ein und dieselbe Frage:
Hatte sich das wirklich zugetragen und hatte ich das alles nur geträumt?
„Noch nie ist mir so eine solche Göre begegnet wie ihr es sein!“ tobte sie dann weiter als ich ihr nicht geantwortet hatte.
So ging es eigentlich schon den ganzen Vormittag – zuminderst den Teil des Vormittags, den ich mitbekommen hatte. Dazwischen – glaube ich – versuchte sie mich ‚ordentliches Gehen’ und ‚galante Bewegungen’ zu lehren.
Aber etwas an ihrem Verhalten hatte mich verwundert: Sie hatte nicht ein Wort über den vergangenen Abend verloren, obwohl mein Versuch Alon zu Küssen der größtmögliche Faupax überhaupt gewesen war.
„Jetzt reicht es mir aber!“ hörte ich Dorothea schimpfen und mir wurde bewusst, dass sie wohl irgendeine Reaktion von mir erwartet hatte. Offensichtlich wurmte es sie noch viel mehr, wenn ich sie ignorierte, als wenn ich frech zu ihr war – obwohl es nicht einmal meine Absicht gewesen war, sie zu ärgern. Ich konnte meine Gedanken schlichtweg nicht in der Gegenwart halten.
„Nehmt dieses Buch und legt es euch auf den Kopf! Und dann geht ihr 20-mal auf und ab - ohne dass es hinunter fällt… tut es das doch, könnt ihr gleich wieder zu vorne anfangen! Das sollte euch eine Lehre sein!“
So etwas musste ja früher oder später kommen… nun gut, vielleicht würde es mich von meinen Gedanken ablenken, die sich ohnehin nur im Kreis drehten.
Schwerfällig stand ich auf und nahm das Buch um es mir auf den Kopf zu legen. Ein Seitenblick zu Dorothea zeigte mir, dass sie nun offensichtlich zufriedenerer war. Ich seufzte. Wo war mein rebellisches Ich vom Vortag hin verschwunden? Möglicherweise hatte es diese Nacht vertrieben.
Nein, ich durfte nicht schon wieder dran denken. Ich musste mich konzentrieren, sonst würde ich den ganzen Tag hin und her laufen müssen. Und das in diesen hohen Schuhen. Mir schwante übles.
Da stand ich nun – mit Buch auf den Kopf und sah gerade aus. So schwer war es auch nicht.
Oder wäre es nicht gewesen, hätte mich jemand vor dem Ende des Teppichs – und den Anfang des Marmorbodens - gewarnt.
Zum Glück konnte ich noch verhindert, dass ich hin fiel. Aber das Buch flog – und zwar direkt auf Dorotheas Kopf, denn sie war neben mir gegangen um jeden meiner Schritte unter die Lupe nehmen zu können.
Ihr geschocktes Gesicht war einfach zu köstlich – ich musste mir auf die Lippen beißen um nicht zu lachen, aber ein Lächeln konnte ich nicht unterdrücken. Und im selben Moment wusste ich, dass sie mir das übel nehmen würde. Sehr übel.
„Ihr seit ein richtiges Biest!“ kreischte sie.
Sie war noch wütender als ich angenommen hatte und das war schon schlimm genug gewesen.
„Das Ihr es wagt mit Büchern nach mir zu werfen!“
Das hatte ich nicht erwartet. Das sie annehmen würde, ich hätte es mit Absicht gemacht. Aber anderseits war es auch wieder logisch – sie hatte auch angenommen, ich hätte sie absichtlich ignoriert.
Ich machte den Mund auf um etwas zu erwidern, aber ich sagte dann doch nichts. Was hätte es gebracht?
„Ihr freches Ding!!!“ polterte sie und ich sah, wie sie mit ihrem Arm ausholte.
„Was ist hier los?“ hörte ich eine tiefe Stimme durch den Raum hallen. Er hatte nicht geschrieen oder war nur irgendwie laut dabei geworden, aber sie klang so kalt und schneidend, dass sie nicht hätte gefährlicher wirken können.
Ich drehte mich erschrocken in die Richtung, aus der ich die Stimme vernommen hatte und sah Alon, der das Szenario kalt beobachtete. Und mit einem Mal waren alle meine Gedanken wieder bei der vergangen Nacht. Wie er in meinem Zimmer erschienen war… Wie er über mir kniete… Nein, es war nur ein Traum gewesen!
Dorothea hatte in ihrer Bewegung inne gehalten und sah ihn nun genauso geschockt an wie ich.
„Euer Hoheit…“ sagte sie dann demütig und ich wusste, was jetzt folgte. Sie würde ihm berichten, wie ich mit Büchern nach ihr geworfen hatte. Ihr Zorn machte mir nichts aus… aber seiner hingegen…
Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
„Was denkst du eigentlich, was du da gerade tun wolltest?“ fuhr er sie an und ihre Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, so weit hatte sie sie vor Schock aufgerissen. Ich fragte mich, ob ich ein viel besseres Bild gemacht hatte. Auch ich hatte alles erwartet, nur nicht das er ihr ins Wort fallen und sie – statt mich – anschreien würde.
„Euer Hoheit…“ setzte sie dann wieder an – aber ihre Stimme zitterte. Aber auch dieses Mal kam sie nicht weiter.
„Hatte ich dir nicht ausdrücklich verboten auch nur dran zu denken Hand an sie zu legen?!“
Jedes Wort kam ihm schärfer aus dem Mund als das vorige und mein Herz begann hysterisch zu klopfen, obwohl sich seine Wut nicht gegen mich richtete. Im Gegenteil – er verteidigte mich. Und es war ihm offensichtlich egal, was ich getan hatte um sie so zu provozieren.
„Euer… Euer Hoheit…“
Sie war sichtlich aufgelöst – so sehr, dass sie sogar stotterte. Aber ein winziger Teil in mir bewunderte sie dafür, dass sie überhaupt den Mund auf bekam – ich war längst zur Salzsäule erstarrt und beobachtete das Geschehen so still als wäre ich gar nicht hier.
„Genug!“ donnerte er. „Ich will kein Wort mehr von dir hören! Geh mir aus den Augen!“
Für eine Sekunde starrte sie ihn noch geschockt an und dann verbeugte sie sich kurz bevor sie mit eiligen Schritten – selbst jetzt lief sie nicht – floh.
Als sie durch die Tür und damit aus meinem Blickfeld verschwand, wand ich meinen Blick wieder Alon zu. Und wie ich mit Schrecken bemerkte sah er nun mich ansah – zum ersten Mal seit er hier aufgetaucht war.
Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass der Ausdruck in seinem Gesicht nun viel weicher war.
Er kam langsam auf mich zu und streckte seine Hand nach mir aus. Kurz bevor er mein Gesicht berührt hätte hielt er inne. Ein paar Sekunden schwebte seine Hand über meiner Wange und dann senkte er sie wieder und sah mich mit seinen dunklen Augen durchdringen an.
Es war als würde ich hypnotisiert werden – als wenn sein Blick mich verschlingen und ich in seinen Augen versinken würde. Ich weiß nicht wie lange wir so standen – es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Raum und Zeit schienen nicht mehr zu existieren.
„Bist du verletzt?“ fragte er mich dann und seine Stimme klang weich wie schwerer Samt. Vor allem im Kontrast zu der Schärfe, die sie hatte, als er mit Dorothea sprach.
Ich wollte antworten, doch sein Blick hielt mich so gefangen, dass ich kein Wort herausbrachte. Unmöglich konnte ich mich seiner entziehen. Es war, als wäre ich von einer unheimlichen Magie belegt worden, doch ich hatte keine Angst. Nein, ich genoss es.
„Bist du verletzt?“ fragte er noch mal und in seiner lag nun eindeutig Besorgnis.
Endlich schaffte ich es mich von seinen Augen los zu reißen und antwortete mit schwacher Stimme.
„Nein… es geht mir gut.“ stammelte ich während ich den Fußboden betrachtete. Im selben Moment fiel mir auf wie unhöflich es war weg zu sehen während ich mit ihm sprach – aber es wäre noch unhöflicher gewesen gar nicht zu antworten.
Aber seltsamerweise bemerkte er meine Faupax nicht - oder reagierte zuminderst nicht drauf.
„Gut.“ sagte er und seine Stimme wirkte deutlich erleichtert als er sich von mir abwand.
„Könntest du mir dann sagen was hier passiert ist?“ fragte er dann, als er mich wieder an sah und abermals hatte sich sein Blick verändert. Er wirkte distanziert und kalt.
„Ähm… also ich hätte mit dem Buch auf dem Kopf geradeaus gehen sollen… aber ich bin gestolpert und…“ stammelte ich während ich mich fragte, ob ich nun doch mit einer Bestrafung rechnen musste. Mein Magen zog sich wieder zusammen.
Er schüttelte den Kopf und dann grinste er, während der Schalk in seinen Augen brannte.
„Du bist wirklich ein kleiner Tollpatsch…“ sagte er mit einem spöttischen Unterton.
Mit einem Mal waren meine Angst und meine Unsicherheit verschwunden und ich zog reflexartig eine beleidigte Schnute. Im selben Moment fiel mir auf wie frech das gewesen war und die Angst wollte schon zurückkehren, aber er tadelte mich nicht. Nein, er lachte. Und irgendwie war das sogar noch schlimmer.
Röte schoss mir ins Gesicht und ich wendete es von ihm ab. Sein Lachen verstummte und im selben Moment stand er wieder vor mir. Er strich mir über die Wange und sah mich genauso seltsam an wie zuvor.
Dann grinste er wieder und sagte: „Die Röte steht dir – du sieht wirklich süß damit aus.“
Nun, eigentlich hätte das ein Kompliment sein können – wäre da nicht wieder dieser spöttische Unterton in seiner Stimme gewesen.
Und wieder zog ich eine Schnute – und wieder lachte er über mich. So lächerlich wie an jenem Tag hatte ich mich noch nie zuvor gemacht.
Als sein Lachen verstummte reichte er mir die Hand.
„Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?“ fragte er schließlich.
Ich versuchte herauszufinden ob er sich wieder über mich lustig machte aber in seiner Stimme schwang nur Aufrichtigkeit mit.
„Dein Unterricht ist für heute so und so beendet…“ setzte er fort und seine Stimme klang dabei so eisig, dass es mich kurz fröstelte, auch wenn ich ahnte das sich dieser kalte Zorn gegen Dorothea richtete.
Langsam legte ich meine Hand in seine und sagte: „Ja, gerne.“
Er lächelte mich an und führte mich aus dem Zimmer.