Freitag, 19. Juni 2009

4. Wut

Robert schien nun völlig verwirrt zu sein und machte sich große Sorgen – verübeln konnte ich es ihm nicht. Meine Launen glichen einer Achterbahnfahrt. Das wusste ich, aber seltsamerweise war mir das egal.
Als es am nächsten Tag wieder bewölkt war und wir somit zur Universität konnten, hatte ich eine Grabesstimmung. Den ganzen restlichen Tag und die Nacht hatte ich mich in meinem Zimmer eingeigelt und kein Wort gesprochen.
Robert nahm diese Laune hin, aber ich spürte wie er mir immer wieder besorgte Blicke zu warf.
Ich hatte darauf bestanden zu fahren und raste mit einen Tempo über die Autobahn, bei dem jeder mit weniger guten Reflexen, als ich sie hatte, gegen den nächsten Beton-Pfosten gekracht wäre.
Aber Robert sagte nichts. Nun, aber er meinte auch, ich würde für einen Vampir einen viel zu friedlichen Fahrstil haben. Das stimmt wohl auch – normalerweise wollte ich keine Bestechungsgelder zahlen müssen, damit man mir meinen Führerschein nicht wegnimmt.
Heute war mir das aber herzlich egal.
In der Innenstadt schnitt ich das ein oder andere Auto und schnappte einem weißen Polo direkt vor der Nase den Parkplatz weg.
Der Fahrer wollte schon aussteigen und sich mit mir streiten, aber ich sah ihn bitterböse an und knurrte leise. Ich beobachtete wie ihm vor Angst sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich und er sich beeilte so schnell wie möglich weg zu kommen.
Robert verfolgte das alles natürlich mit äußerst kritischen Blicken, denn mein Verhalten war alles andere als typisch für mich. Aber noch immer sagte er nichts.
Vielleicht wusste er nicht, was er sagen sollte oder er hielt es für besser, nichts zu sagen.
Mit Letzterem hätte er Recht behalten – ich war kurz vor einem Wutanfall.
Als wir jedoch schließlich vor dem Saal, in dem meine Vorlesung stattfand, ankamen, brach er das Schweigen.
„Eli…“ flüsterte er leise. „Ich will deine Wut ja nicht weiter entfachen, aber in diesem Zustand solltest du nicht…“
„Was für ein Zustand?“ fauchte ich leise zurück.
„Du verhältst dich sehr seltsam.“ erwiderte er vorsichtig. ‚Verrückt’ hätte es besser getroffen – ganz sicher.
„Ich weiß absolut nicht, was du meinst!“ log ich eiskalt. Natürlich wusste ich das, aber zugegeben hätte ich es nie.
Er seufzte resigniert – dieser Kampf war verloren, das wusste er.
„Ich hole dich nachher wieder ab.“ sagte er noch und verschwand dann in der Menge, die nichts von unserem leisen Gespräch mitbekommen hatten.
Toll. Was habe ich nur wieder gemacht?
Eigentlich wollte ich Robert nicht so behandeln – das hatte er wirklich nicht verdient. Ich schüttelte über mein eigenes Verhalten den Kopf und wand mich in Richtung Tür.
Nur kam ich nicht bis dahin – den in meiner Bewegung erblickte ich jemanden, der meinen ganzen Zorn von neuem entfachte und mich erstarren ließ: Chris.
Ich unterdrückte ein Knurren und holte noch schnell Luft bevor er in meine Nähe kam.
Er sah mich und ein atemberaubendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, das mich fast vergessen lies, dass ich furchtbar zornig war.
Und dann sah ich sie – dieses blöde Weib, dass er schon gestern bei sich hatte.
Irgendwo tief in mir brannte das Verlangen, ihr die Augen auszukratzen.
Meine Wut war so stark, dass ich selbst das Brennen in meiner Kehle ignorieren konnte, welches sich schmerzhaft zurückmeldete.
Sie hielten direkt vor mir an und Chris begrüßte mich mit einem fröhlichem „Hallo Eli!“.
Nicht einmal meine mörderische Laune konnte ihn verschrecken. Und es überraschte mich nicht wirklich, ich hatte es von ihm erwartet – auch wenn ich es nicht verstand.
Wirklich unverwüstlich!
Mit Genugtuung stellte ich aber fest, dass ich bei ihr meine Wirkung nicht verfehlte.
Sie sah aus, als hätte sie einen Geist, nein, den Tod persönlich, gesehen. Ihr Blut war ihr aus dem Gesicht gewichen und die Augen hatte sie entsetzt aufgerissen.
Ich unterdrückte ein bösartiges Lächeln.
Entweder hatte Chris ihre Reaktion nicht bemerkt oder er nahm es genauso leicht hin wie meine offensichtliche Wut.
„Na, wie geht’s dir?“ sagte er fröhlich. „Du warst gestern gar nicht da.“
Anstatt zu antworten funkelte ich ihn einfach nur böse an – völlig erfolglos natürlich, er interpretierte es wieder total falsch.
„Oh, klar, wie unhöflich! Ich hab dir noch gar nicht meine kleine Schwester Sandra vorgestellt.“ winkte er zu dem verängstigten Mädchen neben sich.
Schwester?! Sie ist seine Schwester?!
Und was dann passierte war mir völlig unbegreiflich. Meine Wut verschwand mit einem Mal völlig und an ihre Stelle trat pure Erleichterung.
Ich war so geschockt, dass ich gar nicht antworten konnte.
„Natürlich ist sie noch zu jung zum Studieren, aber sie möchte sich mal ein bisschen umsehen.“ erklärte er – in der Annahme, das wäre der Grund für meinen Gesichtsausdruck.
Ob sie, nachdem sie mich gesehen hat, überhaupt je wieder einen Schritt in dieses Gebäude macht?
Ich bezweifelte es.
Jetzt tat sie mir wirklich leid – sie war kurz vor einem Herzinfarkt, dessen war ich mir sicher.
„Hallo Sandra!“ sagte ich dann mit meiner Glockenstimme und versuchte es möglichst freundlich wirken zu lassen. Vorsichtig – und ohne meine Zähne zu zeigen – lächelte ich sie an.
Ich hatte Erfolg, wenn auch nur einen kleinen. Sie lächelte leicht und etwas Farbe tauchte wieder in ihrem Gesicht auf.
Immer noch ängstlich und sehr leise sagte sie dann: „Hi… Freut… mich.“
Das war gelogen, das wusste ich. Und ich konnte es ihr nach meinem Auftritt auch nicht verübeln.
Sie schluckte.
„Ich schau mich noch etwas alleine um… bis später.“ Ihre Worte kamen viel zu schnell aus ihrem Mund, Panik schwang mit.
Und dann war sie schon weg – ich war mir sicher, dass sie rannte.
Chris sah ihr nach und runzelte die Stirn. „Was hat sie bloß? Sonst ist sie so selbstbewusst!“ fragte er mehr sich selbst als mich.
Sie hat eine Heidenangst vor einem Vampir – so wie es jeder VERNÜNFTIGE Mensch haben sollte!
Ich seufzte. Vernünftig war er sicher nicht!
Dann wendete er sich wieder freudestrahlend mir zu und wiederholte seine Frage von vorhin.
„Also, was hast du gestern getrieben, Eli?“
Er grinste.
„Du hast doch sicher nicht geschwänzt, oder? Das passt nicht zu dir!“
Eigentlich hatte er ja Recht, so etwas war nicht meine Art. Aber die Wahrheit konnte ich ihm wirklich nicht sagen!
„Doch, genau das habe ich getan!“ gab ich beleidigt zurück.
Gift floss in meinem Mund, als ich wieder einatmen musste, aber ich versuchte es – so gut es ging - zu ignorieren.
„Echt?“ sagte er überrascht. Es passte offensichtlich nicht in das Bild, dass er von mir hatte.
Kurz wirkte er nachdenklich, aber dann war er schon wieder der Alte.
„Wir kommen zu spät zur Vorlesung.“ sagte ich und drehte mich nun endgültig zur Tür um.
Ich wollte gerade hinein gehen, als ich die Sekretärin unseres Studiengangsleiters vor der Tafel sah.
„Es tut mir wirklich leid, dass Sie alle hier her gekommen sind, aber Prof. Berner ist krank und kann die Vorlesung heute nicht halten.“ sagte sie, den Blick auf den Hörsaal gerichtet.
Es waren einige Seufzer und genervtes Gemurmel zu hören. Ich schnappte auch Satzteile wie „Das kann ihnen nicht früher einfallen…“ und „Wenn ich das gewusst hätte…“ auf, aber die Sekretärin ließ sich dadurch nicht beeindrucken und verschwand nach draußen.
„Tja.“ sagte Chris hinter mir. Ich drehte mich zu ihm um.
„Das nennt man wohl Schicksal.“ meinte er dann grinsend.
Reflexartig zog ich eine Augenbraue hoch.
„Sieht so aus, als hättest du jetzt doch Zeit um mit mir Kaffe trinken zu gehen.“
Hartnäckig! Das muss man ihm lassen!
„Also, weißt du…“ setzte ich an.
„Ach komm schon, dein Bruder ist jetzt sicher in seiner Vorlesung!“ unterbrach er mich.
Robert. Ja, was würde er sagen, wenn er wüsste, das ich mit Chris ‚Kaffe trinken’ gehe? Ich wollte es mir nicht ausmalen. Musste ich auch nicht, ich würde nein sagen.
„Und ich reiße dir bestimmt nicht den Kopf ab!“ setzte er dann noch fort und grinste wieder.
Nein, aber ich dir vielleicht!
Trotzdem musste ich über seine Unwissenheit lächeln.
„Ich kenne ein ganz tolles Cafe hier um die Ecke! Das wird dir gefallen!“ versuchte er mich zu überreden.
„Also gut.“ sagte ich schließlich.
Was? Bist du verrückt geworden?! fragte ich mich selbst.
Das kann nicht dein Ernst sein! schrie die Vernunft in mir.
Du bist dort ja nicht alleine mit ihm – alles halb so wild! sagte die unvorsichtige Seite.
„Super!“ sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Komm!“
Er ging vor und ich folgte ihm.
Eigentlich viel zu langsam für mich. Ungeduld war leider auch eine für Vampire typische Eigenschaft – lächerlich, wenn man denkt, dass wir haben ja ewig Zeit hatten. Aber so ist es nun mal.
Ich versuchte, mich zu beruhigen. Es war ja nicht viel dabei, wir würden uns nur etwas unterhalten, so wie wir es im Hörsaal wohl auch getan hätten. Daran war nichts Schlimmes.
Und es gab schon gar keinen Grund dafür, Robert gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben. Oder etwa doch?