Freitag, 19. Juni 2009

4. Das unstillbare Verlangen

Ich kauerte am Boden meines steinernen Verlieses und meine Kleiden waren fast bis zur Unkenntlichkeit zerrissen. Schwere Eisenfesseln schlangen sich um meine Hand- und Fußgelenke, ja, sogar um meinen Hals und hielten mich am Boden. Die Wunden, mit denen ich übersäht war, schmerzten höllisch. Ich wippte hin und her und schluchzte leise. Wie konnte ich nur? Was hatte ich nur getan? Ich hatte alle verraten, aber am meisten mich selbst. Die Hölle würde mich erwarten, dessen war ich mich sicher. Es gab keinen Weg zurück.
Dann hörte ich Schritte – schwere Schritte – und sie kamen immer näher. Ich zitterte am ganzen Leib. Die Angst kroch mir vom Scheitel bis in den Zeh und schien mich zu verschlingen.
Dann hörte ich das Knarren einer alten Holztür und ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. War dies mein Ende? Würde er mich jetzt töten? Ich hatte es verdient, dessen war ich mir bewusst. Ein schmerzloser Tod war sogar mehr, als ich verdient hatte.
Ich presste die Augen fest zusammen und wartete auf das Unausweichliche, aber es kam nicht. Vorsichtig öffnete ich meine Augen wieder und schaute auf den kalten Steinboden. Ich sah seine schweren Stiefel – er stand direkt vor mir, aber er tat nichts. Oder wollte er sich etwa noch an meiner Angst weiden? Mir einen Hoffnungsschimmer schenken, nur um ihn dann noch genüsslich zu zerschmettern? Ja, verdient hatte ich es.
Und nun wagte ich es und schaute auf – direkt in Alon’s dunkle, eiskalte Augen.

Ich schreckte auf und spürte den Schweiß auf meiner Stirn. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir bewusst wurde, dass ich geträumt hatte. Erleichtert und doch schwer keuchend fiel ich in mein Kissen zurück.
Dann starrte ich an die Decke des kostbar verzierten Himmelbettes, welche ich aber nur am Rande wahrnahm. Mit meinen Gedanken war ich wo ganz anders. Dabei hätte ich mir wirklich gewünscht, nicht denken zu müssen, sondern wieder einschlafen zu können. Aber dieses Mal wollte ich einen traumlosen Schlaf. Keinen Alptraum.
Wieder spielte sich der vergangene Abend vor meinem inneren Auge ab.
Was war nur in mich gefahren? Wie konnte ich so etwas nur tun? Wie konnte ich so etwas nur wollen?
Alon hatte meinen Vater, meine Anni - jeden den ich kannte und mir etwas bedeute – gnadenlos ermordet. Wie hatten ich das nur für eine Sekunde vergessen können?
Er war ein Monster. Mein Traum hatte mir das mehr als deutlich gezeigt.
Wie konnte ich mich also auf diese Weise zu ihm hingezogen fühlen? Wie konnte ich mich überhaupt zu ihm hingezogen fühlen? Ja… wie konnte ich nur? Und wo sollte das hin führen?
Möglicherweise war ich auch ein Monster. Ein verräterisches noch dazu.
Dann hörte ich ein Geräusch in der Dunkelheit. Eigentlich war es sehr leise, doch in der absoluten Stille dieser Finsternis kam es mir unendlich laut vor und ich schreckte zusammen. Ich konnte kaum etwas sehen, denn es war sehr dunkel in dem Zimmer. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich in dem ganze Palast noch kein einziges Fenster gesehen hatte und spontan fragte ich mich, wie ich überhaupt irgendetwas sehen konnte.
Nun hörte ich wieder dieses Geräusch und erkannte es schließlich.
Es das mich in meinem Alptraum verfolgt hatte – Alon’s Schritte. Ich erstarrte und plötzlich konnte ich ihn am Fuß des Bettes ausmachen und seine schwarzen Augen schienen mich zu durchbohren. Für eine Sekunde fragte ich mich, ob ich wieder eingeschlafen war – oder ob ich noch immer träumte. Möglicherweise war ich auch schon längst tot. Vielleicht hatte ich unser Schloss nie verlassen und lag genauso tot am Boden des Thronsaals wie mein Vater. Ein eiskalter Schauer lief mir bei dem Gedanken über den Rücken.
„Hast du Angst?“ fragte Alon mich und durchbrach damit sowohl die Stille als auch meine Gedanken.
Ich schaute ihn nur verwirrt an, seine Worte hatten mein Gehirn noch nicht erreicht.
Ob ich Angst hatte? Eigentlich eine nahe liegende Frage, aber trotzdem verwirrte sie mich noch mehr.
„Ne.. Nein…“ antwortete ich und wusste genau, wie dumm sich das anhörte, denn meine Stimme zitterte und brach sich. Aber es war die Wahrheit – ich war längst über den Punkt hinaus, an dem man Angst hatte. Ich sah direkt in den Abgrund.
Selbst in der Dunkelheit konnte ich den missbilligenden Ausdruck sehen, der sich auf seinem Gesicht breit machte.
Und im nächsten Augenblick kniete er über mir und presste meine Handgelenke in die schweren Kissen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an.
„Lüg mich nicht an…“ zischte er und wirkte wahrlich wütend.
Ich schluckte, aber ich war unfähig nur ein einziges Wort zu sagen. Mein ganzer Körper war wie erstarrt – es fühlte sich an, als wäre ich aus Eis und seine Hände um meine Handgelenke wären das Feuer, dass mich verzerrt drohte. Eigens für mich aus der Hölle empor gestiegen um mich zu bestrafen für mein frevelhaftes Vergehen. Für meine verbotenen Gedanken, die sich für einen Augenblick nur darum gedreht hatten ihm einen Kuss zu stehlen.
Doch dieses Mal war es nicht ich, die meine Lippen gefährlich nah zu seinen bewegte – er kam immer näher.
Wie konnte das sein? Er war es doch, der diesen Kuss nicht wollte! Mein Körper war ihm schon bei unserer ersten Begegnung nicht gut genug gewesen. Nicht einmal dafür.
Wieder erschauerte ich und er erstarrte abrupt - sein Mund war nur noch Zentimeter von meinem entfernt.
Ich sah, wie er die Augen schloss und seinen Kopf schüttelte, während er seinen Oberkörper wieder aufrichtete. Aber er ließ meine Hände nicht los, in Gegenteil, mir kam es vor, er drückte sich ein wenig fester.
Als er seine Augen wieder öffnete, lag ein ironischer Ausdruck in ihnen und dann begann er hämisch zu lächeln.
„Willst du immer noch behaupten, du hast keine Angst?“ fragte er dann spöttisch.
„Dir ist in Wirklichkeit doch bewusst in was für einer Lage du dich befindest…“ setzte er dann nach.
Ja, das wusste ich. Nach meinem Alptraum war es wieder vollkommen in mein Bewusstsein gedrungen.
Ich nahm all meine Kraft zusammen und brach die Starre meines Körpers. Irgendwie schaffte ich es zu nicken.
Doch er sah es nicht, denn er hatte die Augen schon wieder geschlossen und für eine Sekunde fragte ich mich, ob er nun wirklich zu mir sprach oder mehr zu sich selbst.
„… ich könnte dich jederzeit töten… so zerbrechlich, so hilflos… bist du.“ sprach er dann in die finstere Stimme hinein – mit jedem Wort wurde seine Stimme leiser.
Dann sah er mich wieder an und ein Ausdruck, wie ich ihn noch nie in seinem Gesicht gesehen hatte, offenbarte sich mir. Er war voller Schmerz und doch sanft wie ein Blütenblatt - und für eine Sekunde wirkte er ebenso verletzlich. Zärtlich strich er mir mit einer Hand über die Wange.
Dann schloss er erneut die Augen und flüsterte – so leise, dass ich ihn selbst in der Stille – und so nah, wie er mir war - nicht verstehen konnte. Nur ein einziges Wort verstand ich: Zerbrechen.
Als er die Augen wieder aufschlug, war er wieder jeder Mann, den ich kennen gelernt hatte. Sein eiskalter Blick schien mich zu durchbohren und reflexartig hielt ich die Luft an – erschrocken davon, wie sehr er sich innerhalb von Sekunden verändern konnte.
Im nächsten Augenblick war er verschwunden und es dauerte ein paar Sekunden bis meine Augen ihn wieder am Fuß des Bettes ausmachten.
„Gute Nacht, Prinzessin.“ sagte er dann förmlich und im nächsten Moment war er ganz verschwunden. Ich hatte nicht einmal gesehen – oder gehört – wie die Tür sich bewegt hatte. Es war, als wäre genauso ins Nichts verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Mein Gehirn begann langsam wieder zu arbeiten und versuchte den Sinn dessen, was sich gerade zugetragen hatte, zu ergründen. Ein Teil von mir fragte sich, ob ich alles nur wieder geträumt hatte – aber dafür hatte es sich viel zu real angefühlt. Es war fast so, als spürte ich immer noch seine Finger, die sich um meine Handgelenke schlangen.
Trotzdem wäre ein Traum immer noch die naheliegendste Erklärung für das. Wieso hätte er mich sonst beinahe geküsst? Wieso hätte er sich sonst Sorgen drum gemacht, wie zerbrechlich ich doch war? Aber war nicht alles, was hier geschehen war total unmöglich?
Wieso sollte er mich so behandeln… nachdem er mich doch eigentlich töten könnte? Was für einen Nutzen hatte ich schon für ihn? Oder wollte er meine Seele erst verderben, bevor er mir den Tod schenkte?
Wieder fragte ich mich, ob ich nicht schon tot war… möglicherweise prüfte mich der Himmel? Und ich war auf dem falschen Weg. Auf dem Weg in die Tiefen der Hölle.
Nur warum konnte ich dann all das nicht bereuen?
Ein ironisches Lächeln machte sich auf meinen Lippen breit.
Wieso setzte ich einen Schritt nach dem anderen in Richtung Verdammnis?
Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Dummheit.
Wieso verzerrte sich mein Körper – meine Seele – immer mehr nach ihm?
Ich seufze.
Wieso?