Freitag, 19. Juni 2009

3. Sonne

„Ich bin wirklich beeindruckt von dir, Eli.“ sagte Robert, als er sich neben mir auf das Sofa in unserem Wohnzimmer setze.
Wir hatten ein kleines Haus außerhalb Wiens – zwischen den Wäldern und den Weinbergen, weit weg von allen Nachbarn – gekauft, so das wir an sonnigen Tagen zuminderst in den Garten gehen konnten.
„Aber du solltest es trotzdem nicht übertreiben.“ setzte er fort.
Ich seufzte. „Ich hab mich unter Kontrolle. Ich schaffe das.“ Um ehrlich zu sein, war ich mir da alles andere sicher und er schien mir das auch anzuhören. Schließlich kannte er mich schon lange genug.
„Eli, bitte, ich mache mir schreckliche Sorgen um dich!“ sagte er flehend.
Ich glaubte ihm, ich hörte den Schmerz in seiner Stimme.
„Du könntest mir ein bisschen mehr vertrauen!“
Ich setzte ein Pokerface auf – er sollte nicht wissen, dass ich mir selbst nicht vertraute.
Er seufzte. „Ok, aber versprich mir, dass du es nicht übertreibst! Es ist keine Schande, so einer Versuchung aus dem Weg zu gehen!“
Ich schnaubte. Er sollte eigentlich wissen, wie ich darüber dachte.
Dann stand ich auf und ging in mein Zimmer. Ich hatte wirklich keine Lust mehr auf diese Diskussion und Robert schien das zu verstehen, denn er folgte mir nicht.
Ich ging zu meinem Computer und setze mich. Er lief natürlich, wie eigentlich immer bei mir.
Dann startete ich mein Musikprogramm um ein paar Songs zu hören und begann zu programmieren. Es beruhigte mich.
Plötzlich fiel mir wieder Chris’ Frage vom Vormittag ein. Wieso ich Informatik studierte.
Ich musste lächeln – ich wusste selbst nicht so genau, was mich dran so faszinierte.
Vielleicht lag es dran, dass die Technik, die Vernunft in so starken Widerspruch zu mir selbst – einem Mythos, einer Magie – stand.
Oder es lag an meinem emanzipierten Stolz, dass ich immer etwas tun wollte, was eigentlich als ‚männlich’ galt. Deswegen hatte ich auch schon Hosen getragen, als es noch verpönt war, obwohl Robert meinte, ich würde so zu sehr auffallen.
Nun, jetzt würde mich nichts mehr in einen Rock oder ein Kleid bekommen, soviel war sicher.
Das einzig Weibliche, was ich mir behalten hatte, waren meine taillenlangen, schwarzen Haare. Nun, viel Wahl hatte ich auch nicht – als Vampir konnte man seine Haare nicht so einfach schneiden. Aber wahrscheinlich hätte ich es auch nicht getan. Ich mochte meine Haare.
Aber möglicherweise lag es auch an den Möglichkeiten. Im Internet sind wir alle gleich, da brauche ich mich nicht zu verstellen. Oder anders gesagt: Da tut es eh jeder.
Und der Gedanke an die Zukunft – Roboter, Raumschiffe… das hatte sogar für mich als Vampir etwas Spannendes. Auch wenn dadurch natürlich auch Probleme entstanden.
Zum Beispiel brauchte man jetzt für einen Pass Fingerabdrücke. Sollte irgendwer in 20 Jahren auf meine stoßen und in der Datenbank dann eine Frau finden, die eigentlich 20 Jahre älter sein sollte… das könnte unangenehm werden.
Gott sei Dank war ich natürlich ein Profi-Hacker - schließlich hatte ich jahrzehntelange Erfahrung.
Aber spätestens wenn der Iris-Scan alttäglich wird, würden wir wirklich Probleme bekommen!
Nun, ich würde mir darüber aber erst den Kopf zerbrechen, wenn es so weit ist!
„Eli… darf ich rein kommen?“ drang Roberts Stimme durch die Tür.
„Ja.“ sagte ich, drehte mich aber nicht zur Tür um.
Geräuschlos trat er neben mich und berührte flüchtig meinen Arm.
„Es tut mir leid…“ sagte er und ich fragend schaute ihn an.
„Wenn du sagst, dass du es schaffst, dann werde ich dir vertrauen.“
Nun, so ganz überraschte mich das nicht. Robert machte alle meine Launen mit. Mit einem dumpfen Gefühl im Bauch meldete sich wieder mein schlechtes Gewissen.
„Ach, ist schon ok…“ winkte ich ab. Ich konnte ihm nicht sagen, dass es MIR leid tat. Manchmal hasste ich meinen Stolz wirklich. Jetzt zum Beispiel.
Und das schlimmste war, dass Robert mir nicht einmal böse war. Er war mir nie böse, er konnte das wahrscheinlich gar nicht. Das Leben war ungerecht – er hatte etwas soviel Besseres verdient als mich.
„Dann stör ich dich nicht länger…“ sagte er und war schon wieder zur Tür hinaus verwunden.
Ich seufzte.
Ich bin ein Monster.

Die Nacht habe ich die längste Zeit programmiert und etwas Computer gespielt. Aber trotzdem kam es mir vor als wollte es einfach nicht Tag werden. Es war eine seltsame Verdrehung. Bis vor kurzem konnte mir die Nacht nicht lang genug sein. Ich hasste es zurück zur Universität - und damit in die langweiligen Vorlesungen - zu müssen.
Und nun konnte ich es aus irgendeinem, mir schleierhaften Grund nicht erwarten, dass ich genau dort hin zurück konnte.
Ich hatte mich sogar extra noch geduscht bevor ich frische Kleidung – ein schwarzes Damen-T-Shirt mit dem Spruch und eine dunkelgraue Jeans – anzog.
Als ich ins Wohnzimmer ging, saß Robert immer noch lässig auf dem Sofa und es hatte nicht den Anschein, als wollte er bald aufstehen. Sehr seltsam – er war immer sehr pünktlich und ordentlich.
„Sind wir nicht schon ein bisschen spät dran?“ fragte ich und er schaute verdutzt zu mir auf.
Als er meinen verwirrten Gesichtsausdruck sah, grinste er.
„Hast du schon aus dem Fenster geschaut?“ fragte er mich amüsiert.
Nein, natürlich nicht, das Rollo war heruntergelassen, so wie immer. Ich fragte mich, was das sollte und ich hatte keine Lust auf Spielchen.
Er schien zu sehen, dass ich nicht verstand und redete weiter.
„Die Sonne schein, Ely. Keine Uni heute – freust du dich nicht?“
Eigentlich hätte ich genau das machen müssen – mich freuen. Ich würde draußen im Garten liegen und ein Buch lesen können – ungestört von allen Menschen.
Wieso also fühlte es sich so an, als hätte man mir gerade in den Magen getreten?
Robert sah meinen enttäuschten Gesichtsausdruck und er verwirrte ihn offensichtlich. Nun, das war verständlich. Mich verwirrte meine Reaktion ja genauso.
Aber ich wollte Robert nicht noch mehr beunruhigen, also log ich.
„Doch, natürlich freue ich mich! Ich hol mir ein Buch und leg mir in die Sonne.“ sagte ich und schenkte ihm ein gewinnbringendes Lächeln.
Sofort sah ich, dass es ihn nicht überzeugte, aber er sagte nichts.
Ich verschwand in meinem Zimmer, nahm das oberste Buch aus meinem Stapel ungelesener Bücher und verschwand damit auf die Terrasse.
Meine Haut funkelte im Licht wie tausende Diamanten – ich würde mich nie dran gewöhnen, das wusste ich und seufzte.
Dann ließ ich mich in einem Liegestuhl sinken. Eigentlich ist es für mich genauso bequem zu stehen wie zu sitzen oder zu liegen. Aber die Macht der Gewohnheit schlug zu und so saß ich.
Ich hatte das Buch länger nicht mehr in der Hand gehabt, aber sofort als ich die Seite aufschlug, wusste ich, wo ich war und wie die Geschichte bis jetzt verlaufen war.
Ein unschlagbares Gedächtnis ist einer der Vorteile dran, ein Vampir zu sein.
Und im nächsten Moment verzog ich missbilligend das Gesicht. Der Hauptcharakter der Geschichte hieß ‚Chris’.
Langsam kam ich mir verfolgt vor – ja, womöglich würde ich der erste Vampir mit Verfolgungswahn werden. Toll, drauf konnte ich stolz sein.
Ich verdrehte die Augen bei dem Gedanken.
Meine Lust zu lesen war ohnehin nicht groß gewesen, nun war sie ganz verschwunden.
Resigniert seufzte ich und musste plötzlich wieder an die Universität denken… und an Chris. Wo würde er sich wohl heute hinsetzen, wenn er merkte, dass ich nicht da bin? Neben ein anderes Mädchen? Bei dem Gedanken entfuhr mir ein leichtes Knurren.
Entsetzt riss ich die Augen auf.
Was in aller Welt war nur los mit mir? Was interessiert mich das überhaupt? Er sollte sich hinsetzte wo er will, das ging mich nichts an! Also wieso störte mich der Gedanke so?
Und wieso beruhigte mich die plötzlich aufkeimende Gewissheit, dass es nicht viele Mädchen in diesem Kurs gab? Völlig absurd!
Ich schüttelte Kopf über meine Unlogik. Vielleicht treibt mich ja dieser Duft in den Wahnsinn.
Zu spät bemerkte ich, dass die Erinnerung DRAN eigentlich das Letzte war, was ich jetzt brauche konnte!
Ich spürte wieder dieses Brennen in meiner Kehle und hätte mich dafür ohrfeigen können, mich selbst dran zu erinnern.
Am liebsten hätte ich mein Gehirn ausschalten wollen, damit ich nicht noch mehr Blödsinn dachte und die Mörderin möglicherweise wieder Pläne schmiedete.
Ich konnte nicht weiter hier herumsitzen – das würde mich wahnsinnig machen. Also legte ich das Buch zur Seite und stand auf. Zuerst wusste ich nicht recht, was tun, doch dann lief ich schon in den angrenzenden Wald hinein.
Laufen gehört zu den schönsten Dingen am Vampir sein. Es gab mir das Gefühl, frei zu sein - von allen Ketten und Zwängen. Ich genoss es praktisch über den Waldboden zu fliegen, sprang auf einen Ast und dann weiter zu nächsten.
Dabei lachte ich ausgelassen – ich war weit weg von allen Wanderwegen – keiner würde mich sehen oder hören.
Erst nach einiger Zeit, als ich wusste, dass ich einem Städtchen näher kam, hüpfte ich von den Bäumen zurück auf den Waldboden und landete lautlos wie eine Katze.
Ich schlich mich näher an das kleine Städtchen Sooss heran. Eigentlich eine denkbar leichtsinnige Aktion – es müssten nur ein paar Sonnenstrahlen durch das Blätterdach fallen – genau wenn ein Mensch zu mir hinüber sieht.
Doch irgendetwas zog mich magisch an. Schließlich verließ ich sogar die Deckung des Waldes und verbarg mich im Schatten der Häuser und schlich weiter, als würde mich ein unsichtbares Band dorthin ziehen.
Bis ich ihn sah: Chris. Er stand da und lachte ausgelassen mit einem Mädchen.
Eine Wellen des Zorns überflutete mich und es kostete mich fast genauso viel Anstrengung, nicht auf das Mädchen zuzuspringen und ihr den Kopf abzureißen, wie es mich vor 2 Tagen gekostet hatte, Chris nicht zu töten. Dabei roch ich sie gar nicht, dafür war sie viel zu weit weg. Und es dürstete mich auch nicht nach ihrem Blut!
Geschockt von meinen Gedanken drehte ich mich um und verschwand im Wald. So schnell ich konnte lief ich zurück zu unserem Haus und alle Freude und Leichtigkeit, die ich am Weg her empfunden hatte, war verwunden.