Freitag, 19. Juni 2009

3. Der einsame Ball

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als schließlich die Tür aufschwang. So in Gedanken, wie ich war, hatte ich alles um mich herum vergessen.
Die in weiß gekleideten Dienerinnen (die noch immer nicht ein Wort gesprochen hatten), kannte ich nun schon. Aber sie wurden von einer weiteren Frau mittleren Alters begleitet. Ihre Haare waren zu einem strengen Knoten gebunden und der Ausschnitt ihres dunklen Kleides war hochgeschlossen. Die Gouvernante. Und zwar eine richtig gouvernantenhafte. Das konnte ja lustig werden.
Sie sah mich an und sofort wurde ihr Blick streng und tadelnd. Mir war auch sofort klar wie so. Ich saß bequem am Rand des Bettes. Also ganz und gar nicht wo oder wie ein Prinzessin sitzen sollte. Den berüchtigten ‚ersten Eindruck’ hatte ich also schon mal ins Wasser fallen lassen. Nun, da ließ sich jetzt auch nichts mehr dran ändern.
„Ein schwieriger Fall.“ sagte sie schließlich.
Einen guten Blick hatte sie, das musste man ihr lassen. Oder vielleicht lag es auch nur dran, dass ich nicht sofort meine Haltung korrigiert hatte, als sie herein kam. Wie auch immer.
Ich stand auf und blickte ihr in die Augen.
„Gut erkannt.“ sagte ich frech.
Entsetzen spiegelte sich ihren Augen – sie hatte nicht erwartet, dass ich kampflustig sein würde. Nun, ehrlich gesagt, ich auch nicht. In Wirklichkeit war ich über mich selbst in allen Maßen entsetzt. Aber das musste sie ja nicht wissen.
Sie fasste sich und antwortete mit schneidender Stimme: „Das werde ich dir austreiben.“
Einerseits ließ mich ihr kalter Ton zusammenzucken – mein Innerstes wusste immer noch wo - und in was für einer Situation - ich war. Aber anderseits hatte die Provokation in ihren Worten seine Wirkung. Kampflos würde ich nicht untergehen.
Mein Blick hielt ihrem stand, aber ich sagte nichts. Fürs Erste schien ihr das zu genügen.
„Mein Name ist Dorothea.“ sagte sie schließlich. „Madam Dorothea.“ setzte sie noch bestimmend daran.
„Ich wurde von seiner Majestät ausgewählt dir vornehmes Verhalten, einer Prinzessin würdig, beizubringen.“
Nichts, was ich nicht schon gewusst hätte. Ich wartete auf mehr.
„Seine Hoheit gibt heute einen Ball, ich hoffe, du weißt, wie du dich zu verhalten hast… auch wenn ich es bezweifle.“
War diese Frau auf Streit aus? Möglicherweise. Meine Hände hatten sich zu Fäusten geballt, aber ich beruhigte mich sofort wieder.
Ich ließ mein Gesicht einen hochmütigen Ausdruck annehmen und sagte so kühl wie möglich: „Natürlich weiß ich das.“
„Nun, das werden wir sehen. Viel kann ich bis dahin nicht mehr tun, also überlasse ich es den Dienerinnen, dich anzukleiden. Dein Unterricht beginnt morgen.“
Sie wand sich zum Gehen.
„Ich werde dich heute Abend beobachten. Du solltest also hoffen, das du seine Majestät nicht beschämen wirst.“
Ein finsteres Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie entschwand nach draußen.
Und wieder – das zweite Mal an diesem Tag – wurde ich angekleidet. Ich seufzte, während ich still hielt, um den Dienerinnen ihre Arbeit zu erleichtern. Die ganze Prozedur dauerte recht lange, aber ich war mit meinen Gedanken wo anders. Egal, wie hochmütig ich gerade noch getan hatte, so einfach würde es nicht werden und das Wissen, dass mich ihre kritischen Augen verfolgen würden, machte es nicht besser.
Nachdem die Dienerinnen mit mir fertig waren, drehten sie mich zum Spiegel. Ich riss meine Augen auf, weil ich ihnen nicht traute, so prächtig sah ich aus. Dagegen war das heute Nachmittag nichts gewesen.
Erstaunlicherweise fasste ich mich recht schnell wieder. Musste ich auch, denn die Dienerinnen wiesen mich an, zur Tür hinaus zu gehen, wo zwei Wachen bereitstanden um mich zum Ball zu bringen.
Und so ging ich nun von dem beiden flankiert – einer link und einer rechts – durch die Gänge des Schlosses. Schon nach kurzer Zeit hatte ich die Orientierung verloren, dieses Schloss musste um einiges größer sein als unseres.
Schließlich wurde ich durch die letzte Tür zu einem riesigen Ballsaal geführt, der aber erstaunlicherweise seltsam leer war. Ich schaute mich unsicher um und erblickt Alon am anderen Ende des Saals, der auf mich zukam. Leise hörte ich sanfte Musik im Hintergrund, konnte aber nicht ausmachen, woher sie kam. Verwirrt sah ich ihn an und er lächelte als er vor mir zum Stehen kam.
„Nicht ganz was du erwartet hattest, oder?“ sagte er mit einem verschmitzen Lächeln.
„Nein…“ gab ich ohne zu zögern zu und ärgerte mich sofort, dass ich ohne Nachzudenken gesprochen hatte, aber ich hätte rückwirkend wohl nichts anderes sagen können.
„Ich habe keinen Hofstaat wie andere Herrscher. So etwas will und brauche ich nicht. Also gäbe es auch niemand den ich einladen wollen würde, sie sind alle meine Diener oder Sklaven.“
Was er sagte zusammen mit dem feindseligen Ton, der bei manchen Wörtern mitschwang, zeigte mir mal wieder, in was für einer Situation ich war. Nach all der Pracht hatte ich es fast verdrängen können und nun war es wieder da. Das Zittern, die Angst – ich musste geräuschvoll schlucken.
Er lächelte plötzlich wieder mild und drehte seinen Kopf leicht in die Richtung aus der er gekommen war.
„Ich denke, du hast Hunger, oder?“
Ich sah in die Richtung, in die er sich bewegte und erblickte einen riesigen Tisch. Er sah prächtig aus, wie alles andere hier auch und war über und über mit Köstlichkeiten beladen.
Ich nickte – ich hatte wirklich Hunger.
„Dann komm, der Rest kann erstmal warten.“
Der Rest? Die Worte machten mir Angst… aber was konnte mir drohen, wenn er sich offensichtlich um mein körperliches Wohl sorgte?
Ich war geschockt über meine Gedanken! Wie konnte ich wirklich denken, er würde sich um mich sorgen? Wahrscheinlich wollte er nur selbst essen… oder… es musste einen anderen Grund haben.
Wir waren beim Tisch angekommen und er wies mir mit einer Handbewegung zu einem Sessel.
„Setz dich.“ sagte er schlicht.
„Danke.“ sagte ich höflich und setzte mich so anmutig wie es ging.
Er setzte sich am Kopfende des Tisches, gleich zu meiner Linken auf einen Sessel und sogleich begannen Diener, die förmlich herein zufliegen schienen unsere Teller zu füllen.
Ich sah ihn an und wartete darauf, dass er zu essen begann – schließlich war es so Sitte und meine Manieren wurden schon genug angezweifelt.
Er sah meinen Blick und grinste. Ok, nun war ich wirklich verwirrt. Und offenbar sah man mir das auch an.
Er schüttelte den Kopf und sagte: „Iss.“
Für eine Sekunde wog ich ab, was ich nun tun sollte: Ihm gehorchen oder der Sitte Folge leisten.
Ich entschied mich für Ersteres und aß. Es schmeckte wirklich ausgezeichnet – besser als alles, was ich je gegessen hatte. Und das, obwohl ich als Prinzessin in den Genuss vieler Köstlichkeiten gekommen war.
„Und, schmeckt es dir?“ fragte er neugierig.
„Ja, es ist ausgezeichnet.“ sagte ich betont höflich, nachdem ich den Bissen hinunter geschluckt hatte.
„Das freut mich.“ sagte er freundlich. Es klang aufrichtig.
Trotzdem fragte ich mich, wieso er nicht aß. Aber ihn danach zu fragen, wäre äußerst unhöflich gewesen.
Also aß ich schweigend weiter bis ich schließlich satt war und legte meine Besteckt ordentlich auf den Teller. Ich hatte währenddessen nicht aufgeschaut, aber ich wusste trotzdem, dass er jede meiner Bewegungen beobachtete und das machte mich so nervös, dass ich aufpassen musste, mich nicht zu verschlucken.
Schließlich wischte ich mir den Mund mit einer Serviette ab und sah ihn erwartungsvoll an.
„Bist du fertig?“
„Ja“ sagte ich und sogleich kamen wieder Diener, die den Tisch abräumten.
Er stand auf und kam auf mich zu.
Als er vor mir stand reichte er mir die Hand und sagte mit einem verschmitzen Lächeln auf den Lippen: „Darf ich bitten?“
Ich gab ihm meine Hand und stand auf. Er zog mich vom Tisch weg in die Mitte des Saals und augenblicklich wurde die geisterhafte, sanfte Musik etwas lauter.
Er legte seine andere Hand an meine Hüfte und ich legte meine andere Hand auf seine Schulter.
Eigentlich hätte ich nicht so nervös sein dürfen – schließlich hatte ich schon von Kindesbeinen an gelernt, wie man tanzt – eine Prinzessin musste so was können. Und eigentlich war ich ja auch gut darin, also kein Grund zur Sorge. Aber – ich füllte mich, als würden meine Knie jeden Moment nachgeben. Ich durchforschte meinen Kopf nach einer Antwort und fand nur eine: Ich wurde beobachtet – von ihm und von Madam Dorothea.
Er begann den Tanz und im nächsten Moment kam es mir so vor, als ob wir über den Boden fliegen würden. Vergessen war meine Unsicherheit und die Beklemmtheit – ich fühlte mich frei, so frei, dass ich fast ausgelassen zu kichern begonnen hätte. Ich vergaß, wo ich war und wer ich war und fühlte nur die sanfte Bewegung und den Wind, der dadurch um meinen Körper wirbelte. Und um seinen.
Ich sah ihm tief in die Augen und hatte das Gefühl, als würde ich in ihnen versinken. In meinem ganzen Körper breitete sich ein warmes Gefühl aus.
Ich merkte nicht mal, dass der Tanz geendet hatte und wir nun still standen, so fasziniert war ich. Mein Blick wanderte von seinen Augen über sein ganzes, ebenmäßiges Gesicht. Seine wohlgeformten Augenbrauen, seine perfekte Nase und schließlich so seinen sinnlichen Lippen.
Im selben Moment spürte ich, wie ich errötete. Er beute sich ganz langsam zu mir hinunter – sein Gesicht kam meinem immer näher bis er nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt war und ich seinen Atem spüren konnte.
Noch immer sah ich wie gebannt in sein Gesicht – es fühlte sich an als würde mein Körper nicht mehr mir gehören. Doch dann hatte ich plötzlich wieder Gewalt über mich und ich wusste was ich wollte. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und wollte die letzten Zentimeter, die zwischen seinen Lippen und mir lagen, überwinden.
Aber im selben Moment zog er seinen Kopf zurück und blickte mich reserviert an. Und mir wurde der Faupax bewusst, denn ich gerade begangen hatte. Wie hatte ich es nur wagen können, ihn küssen zu wollen? Was in aller Welt war nur in mich gefahren?
Angst durchflutete meinen Körper und ich wusste nicht mal genau, wovor ich Angst hatte. Vor dem, was er sagen würde? Das er sich nie herablassen würde mich zu küssen? Oder von der Strafe, die ich für diese Treistigkeit zu erwarten hatte.
Er löste sich von mir und sah über mich hinweg als er sprach.
„Es ist schon spät – ich denke, du solltest schlafen gehen.“
Ich schluckte.
„Wie ihr befiehlt.“ antworte ich.
Selbst wenn ich jetzt irgendwelchen Widerstand hätte leisten wollen – ich wäre nicht dazu in der Lage gewesen.
Aber ich wollte selbst gerne schlafen. Ich wollte vergessen. Und zwar alles.