Freitag, 19. Juni 2009

2. Stolz

Ich wusste, dass Robert dagegen war. Er hielt es für sinnlos leichtsinnig. Und wahrscheinlich hatte er damit sogar Recht. Nein, ganz bestimmt hatte er Recht.
Aber Stolz war – neben meinem Blutdurst – meine stärkste Eigenschaft. Ich war immer schon so gewesen. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin.
Es kam mir vor, als wäre es eine halbe Ewigkeit her und die Erinnerungen dran waren trüb und schwach. Sie verblassten immer mehr, aber ich erinnerte mich immer noch dran…
Ich wurde 1835 in Salzburg als Tochter Adeliger geboren. Zu jener Zeit gab es nicht sonderlich viele Möglichkeiten für eine Frau. Sie hatte‚artig’ zu sein und zu machen, was ihr Mann ihr sagt. Und den durfte sie sich nicht mal aussuchen.
Aber ich war rebellisch. Und wahrscheinlich auch einfach meiner Zeit voraus – Emanzipation war damals noch ein Fremdwort.
Als ich 21 wurde und mit einem widerlichen Kerl verheiratet werden sollte, bin ich von Zuhause weggelaufen. Meine Eltern waren streng und konservativ und nur auf ihren politischen Vorteil bedacht – kurz gesagt, es fiel mir nicht schwer, sie zu verlassen.
Weit kam ich aber nicht – der wenige Schmuck, den ich mitgenommen hatte, war bald aufgebraucht und ich musste in abgelegen und dunklen Gassen schlafen und zudem hungern. Aber ich war stolz. Zu stolz, um nachhause zurückzukehren und mich meinem Schicksal zu fügen.
Eines Nachts, als ich halb bewusstlos vor mich hin vegetierte, sah ich plötzlich eine seltsame Gestalt. Es war sehr dunkel, aber trotzdem erkannte ich, dass ich in meinem Leben noch nie jemand vergleichbares gesehen hatte - so schön war er.
„Wen haben wir den da?“ fragte er hämisch. Seine Stimme klang wie vollendete Musik.
Ich war so gebannt von ihm, dass ich die offensichtliche Gefahr, die von ihm ausging, nicht bemerkte, bevor es zu spät war.
Er bohrte seine Zähne in meinen Hals und ich konnte nicht einmal schreien. Mein ganzes Leben lief vor meinen Augen ab und ich hatte damit abgeschlossen, als er plötzlich von mir weggerissen wurde und ich hart zu Boden fiel.
„Ich habe sie heute Nachmittag schon gesehen – sie gehört mir!“ schrie eine zweite Stimme, auch männlich und genau so musizierend.
„Das werden wir noch sehen!“ sagte der erste Mann wieder.
Doch mehr habe ich von ihrem Streit nicht mehr mitbekommen, denn in meinem Körper breitete sich ein furchtbarer Schmerz aus, der meine Sinne benebelte. Es fühlte sich an, als ob ich bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Ich schrie und wand mich, aber es half nichts. Und der Tod, den ich mir so sehr wünschte, kam nicht.
Selbst jetzt, mehr als 150 Jahre später, schauderte ich noch bei dem Gedanken an diese Qualen.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Schmerz nachließ und schließlich ganz verschwand.
Und als ich aufwachte, war ich alleine. Die zwei Männer waren verwunden – später habe ich erfahren, dass sie um mein Blut gekämpft und sich gegenseitig vernichtet hatten.
Ja, mein Stolz war sicher nicht meine größte Tugend. Und in jenem Fall vielleicht auch mein Untergang. Denn er trieb mich am nächsten Tag zurück zur Universität und in jede Vorlesung, die sich als so verhängnisvoll erwiesen hatte.
Nun, aber ganz wahnsinnig war ich nun auch nicht. Ich war am letzten Abend statt im Kino noch auf der Jagd gewesen und habe wesentlich mehr getrunken als normal. Und ich war davon überzeugt, dass der Junge sich nach meiner Unfreundlichkeit sicher nicht noch einmal neben mich setzen würde. Eher würde er sich auf den Boden setzen, dessen war ich mir hundertprozentig sicher, als ich gedankenverloren auf der Tastatur meines Laptops tippte.
Nun, bis mich wieder dieser Geruch traf. Es war nicht ganz so schlimm wie beim ersten Mal, als ich aus allen Wolken gefallen war. Aber schlimm genug. Meine Kehle brannte wieder.
Ich drehe meinen Kopf in die Richtung des Duftes und sah den Jungen – der gerade dabei war sich neben MIR niederzusetzen – geschockt an und im nächsten Moment hielt ich die Luft an. Es half, aber nicht viel.
Wieso? Warum tust du mir das an? Es sind doch noch genügend andere Plätze frei! schrie es mir durch den Kopf und die Mörderin knurrte in freudiger Erwartung.
„Hi!“ sagte er und lächelte mich freundlich an. „Ich bin Christoph… aber nenn mich Chris!“
Lebensmüde! Eindeutig! Die Worte hallten durch meinen Kopf. Du solltest vor Angst schreiend weglaufen, ist dir das nicht klar?!
Aber irgendwo wirkte noch immer die mir grausam anerzogene Höflichkeit.
„Elisabeth… aber nenn mich Eli.“ sagte ich und meine Worte klangen schroff.
Doch er schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen.
„Freut mich!“ sagte er und schien es auch so zu meinen.
Seine ganze Art überraschte mich zutiefst. Die meisten Menschen hatten Angst vor meinesgleichen, auch wenn sie nicht genau wussten wieso. Ihre vergraben Instinkte warnten sie und hielten sie auf Abstand.
Aber er – er schien sich in meiner Gegenwart pudelwohl zu fühlen.
„Hab ich dich erschreckt?“ fragte er schließlich, als ich nicht antwortete.
Mich? Erschreckt? Ein Mensch?!
Es war eine so lächerliche Vorstellen, dass fast lachen musste. Ich konnte es gerade noch unterdrücken, aber ein Lächeln bildete sich trotzdem auf meinen Lippen.
„Na also, du kannst ja auch lächeln.“ sagte er. Es war offensichtlich, wie falsch er mein Verhalten gedeutet hatte, aber ich konnte und wollte es nicht richtig stellen.
„Und? Wieso studiert eine Frau wie du Informatik?“ sagte er dann noch, als ich immer noch nichts sagte. Offenbar wollte er mich unbedingt Gespräch verwickeln – aber er klang auch ehrlich interessiert.
„Du könntest bestimmt ein Model sein!“ hängte er noch dran.
Ein Teil von mir wusste, dass es eigentlich ein Kompliment war – aber dennoch war ich beleidigt. Natürlich wusste ich, wie wir – neben der Angst – auf Menschen wirkten. Für sie waren wir wunderschön. Leider.
Er sah mein beleidigtes Gesicht und wirkte plötzlich verunsichert.
„Tja, ich möchte mich eben nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren lassen!“ gab ich kühl und arrogant zurück.
Mehr würde ich auch nicht mehr sagen, meine Luft war aufgebraucht.
Und er lachte. Wieder eine völlig überraschende Reaktion. Denn ich fand nichts Lustiges an meiner Aussage.
„Das hätte mir eigentlich klar sein müssen.“ sagte er immer noch grinsend. „Stille Wasser sind ja bekanntlich tief. Du weißt genau, was du willst, nicht wahr?“
Oh ja, dein Blut… säuselte die Mörderin in mir genussvoll.
Nein! schrie die andere Seite empört.
Ich drehte den Kopf so weit wie möglich von ihm weg und atmete ein. Es war ein blöder Gedanken, dass der Duft so schwächer wäre. Ich war vollkommen davon umhüllt. Aber ich schaffte es irgendwie mich zu beherrschen und drehte ihm meinen Kopf wieder zu.
„Ja, weiß ich.“ sagte ich als Antwort auf seine Frage. Das gebot mir einfach mein Stolz – mal wieder.
Er lächelte anerkennend und sagte schließlich: „Finde ich toll! Ich mag starke Frauen!“
Du hast ja gar keine Ahnung, wie stark… stark genug, um dir den Kopf abzureißen!
Wie konnte er nur so begeistert von mir sein? Und das offensichtlich noch nicht einmal nur von meinem Aussehen. Dieser Mann war eindeutig verrückt!
Er schien die Skepsis in meinem Gesicht zu lesen, aber wieder deutete er sie ganz falsch!
„Ehrlich, ich finde selbstbewusste Frauen toll! Es widert mich an, wenn Männer wollen das ihre Frauen ihnen hörig sind!“
„Nun, da haben wir etwas gemeinsam.“ Ausnahmsweise.
„Wenn die Dame und der Herr dahinten ein privates Gespräch führen möchten, so sollten sie zusammen Kaffee trinken gehen, aber in meiner Vorlesung bitte ich sie, so etwas zu unterlassen!“ drang die unterdrückt wütende Stimme des Professors zu uns durch.
Einige Studenten in unserer Nähe kicherten.
Ich war so in diese Sache aufgegangen, dass ich nicht bemerkt hatte, dass die Vorlesung schon längst begonnen hatte. Ja, meinesgleichen waren teilweise sehr leicht abzulenken. Schrecklich.
Den Rest der Stunde verbrachten wir beide schweigend – schließlich wollte keiner von uns des Saals verwiesen werden. Ich bestimmt noch viel weniger als er – insofern man uns beide rausschmiss. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, auf welche dummen Gedanken ich kommen könnte, wäre ich mit ihm alleine auf dem Gang gewesen.
Nun, auf die Vorlesung konnte ich mich ohnehin nicht konzentrieren während mir so der Hals brannte, also musterte ich mein potenzielles Opfer – die Mörderin in mir jubelte schon.
Er war ungefähr 1,75 und seine Haare waren in einem warmen Schokoladenbraun. Seine Haut war eher hell – wenn auch nichts im Vergleich zu meiner.
Er bemerkte meinen Blick und nun nahm ich auch noch das warme Olivgrün seiner Augen war.
Ich wusste, dass es sich nicht gehörte, jemand anzustarren und wand schnell den Blick ab, der dabei kurz an seiner Kehle hängen blieb.
Nicht daran denken! ermahnte ich mich.
„So und bis Morgen baut ihr bitte noch eine Wurzel-Funktion in euren Taschenrechner ein!“ hörte ich den Professor sagen.
Ich war wirklich froh drüber, unterbrochen zu werden, bevor ich wieder meinen blutdürstigen Gedanken nachgehen konnte.
In Windeseile hatte ich meine Sachen zusammen gepackt und war schon im Gehen, als ich Chris hinter mir hörte.
„Hey, Eli, warte!“ schrie er mir nach.
Ich drehte mich leicht nach ihm um und sah wie er hektisch seine Sachen schnappte und mir nachhetzte.
„Du bist wirklich schnell.“ sagte er dann, als er zu mir aufgeholt hatte.
Ich hätte mich ohrfeigen können! Was machte ich da? Ich hätte weiter gehen sollen und so tun, als hätte ich ihn nicht gehört.
„Der Prof. hat mich jetzt sicher auf dem Kicker.“ sagte er dann mit einem Lächeln in der Stimme.
Er wollte also wieder ein Gespräch beginnen. Und das sollte eigentlich endlich mein Stichwort sein, um zu verschwinden. Aber stattdessen antwortete ich ihm.
„Ja, wahrscheinlich.“
Ich war mir sicher, es klang ein klein wenig amüsiert.
„Also doch so schlimm.“ Er seufzte.
Aber es schien ihn nicht zu entmutigen.
„Hast du jetzt eigentlich schon was vor? Der Prof. hat ja was von Kaffee trinken gesagt.“
Er grinste.
Was zum…? Der ist wohl echt unverwüstlich!
„Ähm, also, um ehrlich zu sein wartet mein Bruder auf mich!“
Das entsprach der Wahrheit. Robert wartete auf mich und ich wusste, dass er nervös war. Und wenn er wüsste, dass ich gerade mit dem Jungen sprach, der SO für mich roch, würde er wahrscheinlich wahnsinnig vor Sorge werden. Das wollte ich ihm ersparen.
Chris schien etwas enttäuscht über meine Antwort, aber dann hatte er seine Zuversicht sofort wieder.
„Macht nichts – dann beim nächsten Mal!“
Beim nächsten Mal? Oh mein Gott – auf was habe ich mich da nur eingelassen?
Ich war vor Schreck stehen geblieben – direkt vor dem Ausgang des Hörsaals.
Es gab ein paar verärgerte Stimmen, aber ich beachtete sie nicht, als ich Chris nachsah.
Dann schüttelte ich den Kopf und ging aus dem Saal, direkt zu Robert, der schon auf mich wartete.