Freitag, 19. Juni 2009

2. Das bittere Erwachen

Mein Kopf schmerzte schrecklich, als ich aufwachte. Ein Teil von mir wollte die Augen öffnen, aber der andere hatte zu große Angst davor. Noch immer huschten Bilder meiner Alpträume vor meinem inneren Auge vorbei. Anni – zerrissen in einer Lacke aus Blut. Die durchdringenden, leeren Augen meines Vaters. Züngelnde Flammen, die alles verschlangen.
Obwohl ich damit die Bilder zuminderst teilweise vertreiben hätte können, brachte ich es immer noch nicht fertig, die Augen zu öffnen. Also versuchte ich zu fühlen. Zuerst war da nichts, mein Körper kam mir leblos vor, als würde er nicht zu mir gehören. Es war so, als würde ich im Nichts schweben, als wäre alles Leben aus mir herausgesaugt worden.
Dann kehrte das Gefühl langsam zurück und erfüllte meinen ganzen Körper. Im ersten Moment hatte ich Angst – Angst vor Schmerzen – aber dann merkte ich, dass ich - abgesehen von den Kopfschmerzen, die in mir dröhnten wie der Schrei einer Banshee – keine hatte. Im Gegenteil, ich lag sehr bequem in einem weichen Bett – noch weicher als mein eigenes. Der Gedanke an mein Zuhause ließ mich zusammen zucken und schnürte mir die Kehle ab.
Wieder huschten schreckliche Bilder vor meinem inneren Auge vorbei. Tote Menschen. Das zerstörte Schloss. Verwüstung.
Ich zwang mich, die Augen aufzuschlagen und schaffte es nun endlich.
Alles war verschwommen, als hätte ich einen Grauschleier vor Augen, der sich nur langsam lüftete. Als mein Blick immer klarer wurde, setzte ich mich langsam auf, um ihn im Raum umher gleiten zu lassen.
Was ich sah, verwunderte mich über alle Maßen. Ich hatte mit einer schäbigen Gefängniszelle gerechnet und das hier konnte nicht weiter davon entfernt sein. In meinem ganzen Leben hatte ich kein prächtigeres Schlafgemach gesehen.
Ich saß in einem riesigen Himmelbett mit Lacken und Polstern aus feinster Seide. Die Vorhänge des Bettes waren aus silbern besticktem, schwarzem Samt. Die Wände waren ebenfalls schwarz gehalten und mit silbernen Ornamenten verziert. Nicht anders war es bei dem Tisch und dem Sesseln, die außer dem Bett noch im Raum standen.
Erst dann sah ich die riesige, schwere Tür vor mir und fragte mich, wie sie mir nur einen Moment hatte entgehen können. Aber noch etwas viel mir auf: Dieser Raum hatte keine Fenster. Nicht ein einziges. Eine Tatsache, die mich beruhigte. Ich hatte keine Ahnung wo ich war und plötzlich stieg eine bekannte Panik in mir auf.
Doch im nächsten Moment wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich bemerkte, dass sich vor mir etwas bewegte. Die Tür ging lautlos auf und eine wunderschöne Frau in einem langen, weißen Kleid trat ein und schritt geräuschlos zum Tisch. Dann sah ich, dass sie ein Tablett trug, welches sie anmutig am Tisch abstellte.
Bevor ich sie irgendetwas fragen konnte, war sie auch schon wieder verschwunden. Im nächsten Moment hörte ich wie mein Magen knurrte – eine Reaktion auf den leckeren Essensgeruch der vom Tablett zu mir herüberwehte.
Vorsichtige setzte ich mich auf die Bettkante und versuchte aufzustehen. Ich hielt mich am Bettpfosten fest und zog mich hoch, wobei mir für wenige Sekunden schwarz vor Augen wurde und ich schwankte. Dann jedoch fasste ich mich und ging langsam zum Tisch.
Wie lange hatte ich wohl geschlafen? Es fühlte sich an, als wären es Jahrhunderte gewesen.
Ich setzte mich auf einen Sessel und schaute auf das Essen, das vor mir stand. Es sah sehr gut aus… ob das wirklich für mich bestimmt war? Wieso sollte man mir so eine Aufwartung machen? Aber es passte irgendwie zu dem Bett… und zu dem Zimmer, außerdem war ich viel zu hungrig um weiter darüber nachzudenken.
So hungrig, das ich mich einige Male beinahe verschluckt hätte, so hastig hatte ich es herunter geschlungen. Nun, es schmeckte ja auch noch besser als es roch. Oder war das wieder nur der Hunger?
Nachdem ich fertig war, schaute ich mich noch mal in dem Zimmer um. Ich versuchte mir einen Reim drauf zu machen, aber es gelang mir nicht. Dann huschte die Frau wieder zum Zimmer herein, gefolgt von drei weiteren – nicht minder schön – die dieselbe Kleider trugen. Während die erste das Tablett an sich nahm und wieder verschwand, hatte die zweite etwas Stoffenes in Händen. Beim zweiten Blick erkannte ich, dass es sich dabei um ein Kleid handelte. Eine huschte hinter mich und begann mein Nachtkleid zu öffnen. Zuerst zuckte ich zusammen, doch dann wusste ich, was sie vorhatten: Sie wollten mich ankleiden. Ich seufzte und ließ es über mich ergehen. Selbst bei Anni mochte ich es nicht, angekleidet zu werden, ich wollte das lieber selbst machen. Plötzlich fühlte ich wieder einen Stich in meinem Herzen, als mir bewusst wurde, dass ich Anni nie wieder sehen würde und kämpfte mit den Tränen. Die Frauen ließen sich davon aber nicht ablenken.
Erst als mich eine von ihnen zu einem Spiegel – den ich ganz übersehen hatte – führte, wusste ich, dass sie fertig waren. Als ich mich im Spiegel sah, musste ich nach Luft schnappen. Noch nie hatte ich so ein prächtiges Kleid getragen. Noch nie wurde ich so edel geschminkt. Was ging hier nur vor? Und wieso sprach keine von ihnen nur ein Wort mit mir? Ich wollte selbst den Mund aufmachen, aber mir fehlte schlichtweg der Mut dazu.
Mit einer Handbewegung wiesen sie mich an, ihnen zu folgen, als sie zur Tür hinausgingen. Ich folgte ihnen und wir landeten in einem riesigen Saal, in dessen Mitte ein prächtiger Springbrunnen stand. Der Mund muss mir offen gestanden sein, denn ich hatte noch nie etwas Vergleichliches gesehen. Sie brachten mich zu einer Sitzbank bei dem Brunnen und entschwanden sofort wieder.
Und da saß ich nun – erstaunt und verwirrt. Einen Moment überlegte ich, ob ich vielleicht doch tot und im Himmel war. Aber wie war ich gestorben? Und den Himmel habe ich mir immer ganz anders vorgestellt. Obwohl, eigentlich hatte ich mir nie viele Gedanken darüber gemacht.
Ein Geräusch, das sich wie ein Räuspern anhörte, holte mich aus meinen Gedanken und ich schaute instinktiv auf. Vor Schreck zuckte ich zurück und starrte ihn mit entsetzten Augen an. Plötzlich war alles wieder da: Meine Angst, das Zittern, die schrecklichen Bilder vor meinen inneren Auge.
„Habe ich dich erschreckt?“ fragte er mit seiner samtenen Stimme.
Und wieder war ich verwirrt – das letzte Mal hatte sie gefährlich und bedrohlich geklungen, nun wirkte sie fast freundlich.
Oder besser gesagt, sie wäre freundlich gewesen, wäre da nicht immer noch die massive schwarze Rüstung und die tiefschwarzen Augen gewesen.
Er muss an meiner Reaktion gesehen haben, dass ich unfähig war, zu antworten.
„Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich vorzustellen: Ich bin Kaiser Alon von Seria.“
Seria. Ich wusste genau, was das bedeutet. Ich hatte mich nie viel mit Politik beschäftigt, das war den Männern vorbehalten. Es schickte sich nicht für eine Prinzessin, hieß es. Manchmal belauschte ich meinen Vater und seine Berater trotzdem (und ich wurde auch schon dabei erwischt und ausgeschimpft).
Mein Vater hatte riesige Angst vor diesem Land. Man sagte, dort würde nie die Sonne aufgehen und Dämonen würden ihr Unwesen treiben. Der Herrscher soll ein blutrünstiger Tyrann sein, der alles in seinem Weg vernichtete und danach strebt den ganzen Kontinent einzunehmen.
Ich hatte nie viel auf solche Gerüchte gegeben, aber anbetracht meiner eigenen Erfahrungen hegte ich nun keinen Zweifel mehr daran.
Wieso aber war er auf einmal so freundlich zu mir? Ich war seine Gefangene!
Ich schluckte und versuchte zu sprechen.
„Ich… ich bin Prinzessin… Esmeralda von Lotus.“
Meine Stimme brach weg und ich hätte mich selbst ohrfeigen können, so blöd hörte ich mich an.
„Ich weiß…“ sagte er immer noch freundlich.
Natürlich wusste er es, er hat ja mein Zuhause zerstört und mich von dort verschleppt. Wieso wurde ich also so anders als er mich so innig ansah? Ich zitterte nicht mehr, im Gegenteil, ich war ganz ruhig, gefangen in seinem Blick.
Er lehnte sich von mir weg und seufzte.
„Begleite mich ein Stück.“ sagte er und drehte sich weg.
Zaghaft stand ich auf und folge ihm.
Wir gingen eine Weile durch den Saal und keiner von uns sagte ein Wort, bis er die Stille durchbrach.
„Gefällt dir dein Gemach?“
„Äh, ja, sehr schön.“
Beschämt senkte ich meinen Blick.
Wieder Stille.
„Ich werde heute Abend einen Ball geben und ich möchte, dass du daran teilnimmst.“
Ein Ball? Einerseits kam es mir nun vor als wäre ich auf einem Empfang in einem anderen Königreich, aber ich wusste, dass es ein Befehl ist. Es war keine Einladung, ich würde so und so hingehen müssen – da hatte ich keine Wahl. Er hatte mir die ganze Zeit keine gelassen. Ich durfte mich nicht von dieser schönen Illusion um mich herum blenden lassen. Ich war immer noch seine Gefangene!
„Natürlich.“ sagte ich.
Es sollte so vornehm und ungezwungen wie möglich klingen, aber mir versagte dabei fast die Stimme. Nun, viel Schlimmer konnte es jetzt nicht mehr werden… oder doch?
„Ich habe dir einige Dienerinnen zur Seite stellen lassen… und eine Gouvernante.“
Es wurde schlimmer. War ich ein kleines Kind?
Er schien meinen beleidigten Gesichtsausdruck zu bemerken und sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen.
„Sehr prinzessinnenhaft verhältst du dich nicht gerade… daran werden wir arbeiten.“
Oh ja. Sehr schön. Darauf konnte ich gerne verzichten, darauf wollte ich schon immer verzichten. Hat mich je einer gefragt, ob ich mich wie eine Prinzessin verhalten wollte? Nein.
Aber das würde sich auch nicht ändern. Vom Regen in die Traufe.
Wir kamen bei einer großen Tür an und er drehte sich noch mal zu mir um.
„Nun, dann bis heute Abend, Prinzessin.“ sagte er mit einem sarkastischen Grinsen auf den Lippen und verschwand durch die Tür, die von zwei Wachen flankiert wurde.
Toll. Wirklich.
Nicht nur, das ich nun in meinem Stolz gekränkt war (gleich ob ich nun ‚prinzessinnenhaft’ sein wollte oder nicht), nein, mir schwirrten auch noch mehr Fragen im Kopf herum. Und der Blick, mit dem er mich angesehen hatte… ich schüttelte den Kopf. Nein. Ich durfte nicht daran denken.