Freitag, 19. Juni 2009

1. Duft

„…und am Ende dann eine geschwungene Klammer zu.“ sagte der Professor.
Wenn ich sterben könnte, dann würde ich jetzt vor Langeweile sterben. Dessen war ich mir sicher. Aber ich konnte ja noch nicht einmal schlafen – nicht mal das war mir vergönnt!
Frustriert seufzte ich und blickte unbeteiligt auf meinen Laptop und vollendete die While-Schleife vor mir.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon Informatik studierte, aber der Anfang war immer am Schlimmsten. Immer dasselbe, zigmal schon gehabt.
Später wurde es dann erträglich – teilweise sogar interessant – denn das Computer-Business änderte sich sehr schnell und somit erfuhr ich bei jedem neuen Studium immer ein bisschen etwas Neues.
Also sollte ich mich nicht beklagen – Robert traf es viel schlimmer, er studierte zum gut 40igsten mal Musik und das bliebt immer gleich. Ich weiß nicht, wie er das aushielt. Schon diese wenigen, sich immer wiederholenden, Anfangsübungen trieben mich fast in den Wahnsinn.
Ja, Robert. Wenn ich ihn nicht hätte – dabei hatte ich ihn nicht mal verdient.
Als ich ihn traf war ich ein durch und durch wilde Kreatur – beherrscht von meinem Durst. Er war nicht der Erste meiner Art, den ich traf – aber der erste, der mich NICHT töten wollte.
Er nahm sich meiner an und zeigte mir, dass ich keine Menschen töten musste. Zuerst wollte ich mich nicht von dem – im Vergleich zu Menschenblut – widerlichem Tierblut ernähren, aber eigentlich wollte ich auch nicht länger eine Mörderin sein. Außerdem war ich immer noch stolz – ich wollte mir beweisen, dass ich es schaffen konnte. Und ich konnte.
Lange Zeit fragte ich mich, warum Robert sich wohl so mit mir abgemüht hatte. Aber als ich es begriff, wollte ich es eigentlich nicht mehr wissen. Denn ich wusste, dass ich ihm nicht geben konnte, was er sich wünschte. Ich konnte seine Gefühle nicht erwidern – so sehr ich es um seinetwillen auch wollte. Aber das Verrückteste von allem war, dass er trotzdem bei mir blieb. Er wusste, das ich ihn lieb hab – so wie ein sehr guten Freund, nein, wie einen Bruder – und dass es mich unglücklich machen würde, wenn er ging. Also blieb er, auch wenn ich wusste, dass es ihm das Herz dabei zerriss.
Und trotzdem brachte ich es nicht über mich, ihn weg zu schicken. Ich war viel zu egoistisch um das zu tun – ich wollte nicht alleine sein. Nie wieder wollte ich das.
„Ah, wie nett, dass Sie uns doch noch beehren!“
Der veränderte Tonfall des sonst eintönigen Vortrags riss mich aus den Gedanken.
Ein Junge war gerade durch die Tür gekommen – eine halbe Stunde nachdem die Vorlesung begonnen hatte.
Ich verdrehte innerlich die Augen. Es gab immer solche, die einfach nicht pünktlich sein konnten.
Aber ich hielt mich nicht lange damit auf und dachte wieder an Robert.
Wir wollten heute Abend ins Kino gehen – eine der wenigen menschlichen Angewohnheiten, die mir Spaß machten. Ihm würde es dieses Mal nicht so viel Spaß machen, wie das letzte Mal.
Da lebten wir noch in München und gaben uns als ein junges Ehepaar aus und somit durfte er immer meine Hand halten, was ihn offensichtlich sehr glücklich machte.
Doch vor ein paar Wochen waren wir nach Wien gezogen und hatten wieder unsere Identität geändert (ein unverzichtbarer Teil des Lebens als Vampir – sofern man sich unter Menschen aufhalten wollte). Jetzt waren wir Geschwister. Also kein Händchen halten – und ehrlich gesagt, ich war sehr erleichtert darüber. Denn umso mehr er mir zeigte, dass er mich liebt, umso schlechter wurde mein Gewissen.
Plötzlich wehte eine leichte Brise beim Fenster hinein und ein so süßer Duft traf mich, dass ich einen Herzinfarkt bekommen hätte, würde mein Herz noch schlagen.
Reflexartig drehte ich mich in die Richtung aus der dieser unglaublich köstliche Duft kam und sah den Neuankömmling direkt vor mir stehen.
„Darf ich mich setzen?“ fragte er und deutete auf den freien Platz neben mir.
Nein. wollte ich schreien, aber ich traute mich nicht, den Mund auf zu machen. Zu groß war die Angst, dass ich – wenn ich ihn wieder zu machte – meine Zähne in seinen Hals vergrub. Also starrte ich ihn nur entsetzt an während sich meine Fingernägel unter dem Tisch ins Holz bohrten.
Doch er achtete nicht weiter drauf und setzte sich.
Bist du lebensmüde? wollte ich ihn fragen.
Steh auf und nimm deine Beine in die Hand, solang ich mich noch irgendwie beherrschen kann!
Plötzlich meldete sich eine andere Stimme in meinem Inneren – eine lang unterdrückte, bösartige Stimme. Die Stimme einer Mörderin.
Wieso willst du dich beherrschen? säuselte sie.
Gib dem Durst nach, du willst ihn!
Nein! Nein! Nein! hielt meine tugendhafte, stolze Seite dagegen.
Du hast es so lange geschafft ohne Menschenblut auszukommen, du wirst jetzt nicht versagen!
Doch ich spürte, dass meine gute Seite im Begriff war zu verlieren und sich die Mörderin in mir zur Oberfläche durchwand.
Ich riss meinen Blick von ihm los in der Hoffnung, ich könnte mich so irgendwie ablenken. Eine sinnlose Aktion - sein Duft umflutete mich als wäre ich drin begraben.
Aber es brachte mich dazu im Raum umher zusehen und mir al der Zeugen bewusst zu werden. Gut 60 Studenten und ein Professor würden sehen, wie ich meinem Sitznachbarn an den Hals sprang und ihm das Blut aus den Adern saugte.
Es wäre unmöglich alle Zeugen zu beseitigen – ich saß sehr weit von der Tür entfernt. Ein paar würden entkommen und berichten, was sie gesehen hatten.
Das würde bedeuten, dass ich dann an das andere Ende der Welt fliehen musste und mich in frühestens 10 Jahren wieder unter Menschen mischen konnte.
Wenn mich nicht die Volturi vernichten würden, weil ich unsere Existenz verraten hatte.
Das waren genug Argumente um meine böse Seite davon abzuhalten sofort auf den Jungen neben mir zuzuspringen und meine rasiermesserscharfen Zähne in ihn zu bohren.
Aber sie schmiedete Pläne. Ich würde ihm nach der Vorlesung folgen und…
Nein! schrie meine gute Seite wieder. Du wirst ihm nichts tun!
Ein Mensch. Was ist das schon? hielt die Mörderin dagegen.
Es geht ums Prinzip! hielt die stolze Seite dagegen.
Prinzip! So ein Schwachsinn.
Du wirst nicht nachgeben! Das kannst du Robert nicht antun!
Er wird dir verzeihen. Er liebt dich!
Du darfst seine Liebe nicht noch mehr missbrauchen!

„So und bis zum nächsten Mal schreibt ihr bitte einen kleinen Taschenrechner!“ sagte der Professor und schloss damit die Stunde.
In gerade noch menschlich wirkender Geschwindigkeit klappte ich meinen Laptop zu, schnappte meine Tasche und war schon aus dem Saal, bevor nur irgendwer fertig zusammenpacken konnte.
Die eine Seite in mir war froh, diesem sündhaften Duft entkommen zu sein, während die andere Seite danach schrie ihm zu folgen.
Ich durfte nicht darüber nachdenken – sonst würde ich am Ende noch umdrehen. Also lief ich einfach nur gerade aus – bemüht um ein Tempo, das meine menschliche Fassade noch irgendwie aufrechterhielt. Wo ich genau hin war, wusste ich nicht, bis ich vor dem Saal stand, in dem Robert seine Klassik-Vorlesung hatte.
Er kam gerade zur Tür hinaus und sah sofort, dass etwas mit mir nicht stimmte.
„Eli… was ist passiert?“ flüsterte er leise. Leise genug, dass ihn kein Sterblicher hören konnte – aber laut genug, dass ich ihn hören konnte.
„Ich muss hier WEG!“ flüsterte ich ebenso zurück und hörte meine eigene Panik in der Stimme.
Er begriff nicht, was mit mir los war – aber er sah, dass es besser war, die Diskussion darüber auf Später zu verschieben und mich hier weg zu bringen.
Seine Hand nahm meine und er zog mich sanft zum Ausgang.
Jetzt fühlte ich mich schon etwas besser. Ich wusste, dass er nicht zulassen würde, dass ich jetzt irgendjemand umbrachte. Es hing also nicht mehr nur an mir – auch wenn es meinen Stolz zutiefst verletzte auf Hilfe angewiesen zu sein.
Draußen brachte er mich zu seinem Auto – ein schwarzer Honda Civic – und ließ mich sanft auf den Beifahrersitz gleiten. Er schloss meine Tür und kurz später saß er schon neben mir.
Sogleich fuhr er los.
„Eli…“ setzte er wieder an, etwas lauter dieses Mal.
„So habe ich dich noch nie gesehen!“
Er machte eine kurze Pause und sprach dann wieder.
„Ich mache mir Sorgen um dich!“
„So etwas ist mir auch noch nie passiert.“ sagte ich schließlich und schaute ihn an.
Er wartete auf mehr.
„Noch nie… noch nie hat ein Mensch SO für mich gerochen!“ sagte ich.
„Oh.“ sagte er schließlich und schaute gerade aus, während er beschleunigt.
„Ich habe gar keine Schreie gehört…“ sagte er.
Ich wusste, was er dachte. Und es kränkte meinen Stolz. Ich zog eine beleidigte Schnute, aber er sah es nicht.
„… aber das ist egal. Wir müssen so schnell wie möglich aus dem Land. Vom Kontinent am besten. Es wird nicht lange dauern, bis die Volturi davon erfahren und dann sollten wir ein sicheres Versteck gefunden haben.“
Mein Zorn verrauchte im selben Augenblick, so gerührt war ich - auch wenn ich es hätte wissen sollen.
Er würde mit mir fliehen, bis ans Ende der Welt und wenn nötig auch gegen die Volturi kämpfen – was einem Selbstmord glich – um mich zu beschützen.
Und wieder hasste ich mich, dass ich seine Gefühle nicht erwidern konnte. Aber ich wusste, dass es jetzt zweitranig war. Ich musste das Missverständnis aufklären.
„Rob.“ sagte ich. „Ich habe ihn nicht getötet. Frag mich nicht, wie ich widerstanden habe, aber ich habe es geschafft.“
Ein bisschen Stolz schwang in meiner Stimme mit, auch wenn mich die Situation eigentlich zutiefst beschämte.
„Nicht?“ sagte er und schaute mich überrascht an.
„Ja, aber das heißt nicht, dass ich nicht Gefahr bin genau das noch zu tun!“
Ich sah ihm an das er verstand und er entspannte sich ein wenig. Zuminderst vor den Volturi musste er jetzt keine Angst mehr haben.
„Und was willst du nun machen?“ fragte er mich und schaute mich ernsthaft an.
Seufzend gestand ich: „Ich weiß es nicht…“