Freitag, 19. Juni 2009

12. Verlust

Langsam ging ich durch das schwere Eisentor. Der Himmel war heute noch grauer als sonst und es würde wohl bald regnen. Nebel hang immer noch schwer über dem Land, obwohl es schon Nachmittag war. Das Wetter passte sehr gut zu diesem Anlass und noch besser zu diesem Ort.
Ich ging vorbei an den unzähligen Marmor-Platten mit Namen und Widmungen und an den Blumen, die man davor gepflanzt hatte. Die Gräber interessierten mich nicht – alle, bis auf eines.
Davor standen in einigen Abstand viele Menschen – alle in schwarz gekleidet. Sie weinten und schluchzten, als der Priester vor dem Grab zu sprechen begann.
Ich stellte mich in die hinterste Reihe, aber ich hörte die Trauerrede kaum. Deswegen war ich nicht hier – ich war hier, um mich zu verabschieden.
Doch das würde warten müssen – bis das hier vorbei war. Meine Gedanken flogen über die vergangene Woche zurück.
Es hatte drei ganze Tage gedauert und ich hatte mich in dieser Zeit nicht einen Zentimeter bewegt. Als er die Augen wieder aufschlug, waren sie blutrot. So wie sie bei allen neugebornen Vampiren sind.
Also bin ich mit Chris auf die Jagd gegangen. Eigentlich hatte ich erwartet, er würde mich hassen – für das, was ihm widerfahren ist. Aber er hatte ernst gemeint, was er damals auf der Lichtung gesagt hatte. Ich hatte ihn unterschätzt – er mag zwar immer zu fröhlich und gelassen sein, aber traf seine Entscheidungen niemals leichtfertig. Das wusste ich nun. Und das er wirklich nur mich wollte, obwohl ich das nicht verdient hatte.
Natürlich war seine Familie ein Wermutstropfen für ihn, aber er war bereit, alles zurück zu lassen. Es ging auch nicht mehr anders. Er konnte Menschen noch nicht sonderlich nah kommen, obwohl er für einen Neugebornen unglaublich selbst beherrscht war. Erst eine Woche war vergangen und schon konnte er zuminderst kurzzeitig Menschengeruch widerstehen. In ein paar Monaten würden wir uns wohl wieder unter die Sterblichen mischen können.
Nur seine Familie würde er nie wieder sehen können – sie würden nicht verstehen, was ihn so verändert hatte. Wie er so blass werden konnte und – in ihren Augen – soviel schöner. In meinen war er immer schon der Schönste gewesen.
Das Einzige, was wir für sie tun konnten, war ihnen die Ungewissheit zu nehmen. Wir hatten ein paar von Chris’ Sachen zusammen mit einem Abschiedsbrief vor der Hütte platziert.
Dann hatte ich eine Leiche aus einem Leicheschauhaus gestohlen – in Linz, weil ich unsere Spur so gut wie möglich verwischen wollte. Wir haben sie zusammen mit der Hütte verbrannt – so unkenntlich, dass nicht einmal die Zahnabdrücke mehr bestimmt werden konnten.
Es hatte funktioniert, die Menschen hatten unsere Scharade geglaubt. Jeder von ihnen glaubte, dass Chris tot war.
Ich hatte vorgegeben, ihn im Wald gesucht, aber nicht gefunden zu haben, als Sabine mir aufgelöst von seinem Tod erzählt hatte. Meine Trauer brauchte ich nicht vorspielen, ihr Schmerz verletzte mich so sehr, dass ich mich elend genug gefühlt hatte, um zu weinen, hätte ich es gekonnt. Aber sie nahm mir meine fehlenden Tränen nicht übel, sie schrieb es offensichtlich einem Schock zu.
Der Priester beendete seine Rede und der Sarg wurde in die Erde gelassen. Die Menschen murmelten Abschiedsworte und warfen Blumen hinab. Einige kamen um Sabine und ihrem Mann ihr Mitleid zu bekunden. Langsam lichtete sich der Kreis, die Menschen verließen den Friedhof – am Ende sogar Peter und Sandra sowie ihr Vater. Nur Sabine rührte sich nicht und starrte immer noch auf das Grab – indem sie ihr Sohn glaubte.
„Geht schon mal vor.“ hatte sie zu ihren Kindern und zu ihrem Mann gesagt. Ganz leise, damit ihr Stimme nicht brach. Aber ich hörte ihre Trauer und sie schnitt sich in mein Herz.
Als sie gegangen waren, trat ich neben Sabine ans Grab und lies eine rote Rose hineinfallen.
„Eli…“ flüstere sie, aber sie sah mich nicht an.
„Es tut mir wirklich leid, Sabine.“ sagte ich, ohne vom Grab aufzusehen. Es war die Wahrheit. Es tat mir schrecklich leid, was ich ihr angetan hatte. Das meine Liebe ihr ihren Sohn geraubt hatte.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“ sagte sie dann leise, immer noch den Blick auf das Grab gerichtet.
„Du leidest bestimmt genauso wie ich…“ sagte sie dann.
Ihre Güte brachte mich fast um den Verstand, denn ich hatte sie nicht verdient. Sie sollte wütend auf mich sein – mich hassen. Nicht mich bemitleiden.
Ich konnte nichts darauf erwidern – ich wollte es auch nicht, also wechselte ich das Thema. Ich schnitt den Grund an, aus welchem ich überhaupt hergekommen bin.
„Sabine.“ begann ich.
„Ich weiß, ich wähle dafür einen sehr ungünstigen Zeitpunkt… aber ich werde umziehen.“ beendete ich meinen Satz.
Wieder schüttelte sie den Kopf.
„Nein, nein.“ sagte sie dann. „Ich verstehe dich… Könnte ich…. würde ich wohl auch gehen…. weit weg von allem… was mich an ihn erinnert…“
Bei den Gedanken an Chris liefen ihr wieder unzähligen Tränen über das Gesicht und ihre Stimme brach sich fast dabei.
Wieder machte mich ihr Verständnis fast wahnsinnig. Wieso konnte sie mich nicht hassen, so wie ich es verdient hatte?
„Wie lange wirst du noch hier sein?“ fragte sie dann, als ich nichts sagte und sie sich halbwegs wieder gefasst hatte.
„Ich werde noch heute Abend abreisen.“ sagte ich und wagte es das erste Mal, sie anzusehen.
Auch sie sah mich an und wendete sich mich zu, während sie vergeblich versuchte, mir ein aufmuntertents Lächeln zu schenken.
„So bald also schon…“ sagte dann, denn Blick kurz zu Boden gerichtet. Sie sah mich wieder an, als sie weiter sprach.
„… dann wünsche ich dir viel Glück, Eli.“
Mit diesen Worten umarmte sie mich. Ich ließ es zu, denn wir waren beide dick in schwarze Kleider gehüllt, somit konnte sie meine eiskalte Haut nicht spüren. Selbst für Mitte November war es heute sehr kalt, auch wenn mir das nichts ausmachte.
„Ich wünsche dir auch viel Glück, Sabine.“ sagte ich, als sie mich los lies.
„Wenn du mal wieder in der Nähe bist, würde ich mich freuen, wenn du mich besuchst.“ sagte sie dann noch.
Ich musste nichts sagen, sie las die Antwort in meinem Gesicht.
„Aber du wirst nicht wieder kommen.“ sagte sie dann. Es war keine Frage, es war eine Feststellung.
„Leb wohl, Sabine.“ sagte ich, als ich mich umdrehte und ging.
„Leb wohl, Eli.“ hörte ich sie noch flüstern als ich mich immer weiter vom Grab entfernte.
Als ich außer Sichtweite war, langten ich im meine Manteltasche und zog ein Stück Papier hinaus. Es war ein Brief. Ich hatte ihn gefunden, als ich in unser Haus zurückgekehrt war und es verlassen vor fand.
Liebste Eli,’ stand in der ersten Zeile.
möglicherweise wirst du mich hassen, für das was ich getan habe. Und wahrscheinlich ist das auch am Besten so. Denn ich will nicht, dass du meinetwegen traurig bist. Aber trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass ich dich immer geliebt habe und immer lieben werde. Ich hoffe - ich bete - dass du mit ihm glücklich wirst. Dein Glück war immer alles, was ich wollte.
In Abstand zierte noch sein Name das Ende des Briefs.
Robert
Plötzlich viel ein schwerer Tropfen vom Himmel – mitten auf das Blatt und verwischte ein Wort.
Ich schaute hinauf und betrachtete die Wolken, die auf die Erden hinunter zu weinen begannen. Immer mehr Tropfen fielen vom Himmel, bis es wie in Strömen regnete.
Ich genoss es. Es kam mir vor, als würde der Regen die Vergangenheit weg waschen. Und das Tat er auch. Ein Wort nach dem anderen raubte er von dem Brief - bis er leer und völlig durchnässt war.
Dann trat ich durch das schwere Eisentor nach draußen auf den Parkplatz. Doch ich wollte nicht zu meinem Auto – es war auch gar nicht hier. Ich ging den Weg in Richtung Wald und ließ das triefende Stück Papier aus meiner Hand gleiten. Es war Vergangenheit, so wie alles, dass ich hier zurück lies.
Ich hatte erst ein paar Schritte in den Wald hineingetan, da sah ich ihn. Chris wartete neben einem Baum auf mich.
Nein, ich bereue es nicht.
Er lächelte mich an und streckte die Arme nach mir aus.
Und wenn ich dafür ewig in der Hölle schmoren sollte…
Er zog mich eng an sich heran und küsste mich leidenschaftlich.
…ich bereue NICHTS!

ENDE