Freitag, 19. Juni 2009

11. Abschied

Es musste sich etwas ändern. Und zwar jetzt. Bevor es zu spät war.
Ich hatte es viel zu weit getrieben – Chris viel zu sehr in Gefahr gebracht. Wie hatte ich nur eine Sekunde lang vergessen können… was ich bin?
Ich saß im Wohnzimmer und schaute in den Fernseher, aber das Programm nahm ich nur am Rande wahr.
Auch wenn er nichts sagte, ich wusste, dass Robert sehr verwundert war. Ich hatte den größten Teil des Tages zuhause verbracht und das war in letzter Zeit sehr selten so gewesen.
Er saß neben mir und sah auch fern, aber ich merkte, wie er mich immer wieder kurz aus den Augenwinkeln beobachtete.
Ich schluckte und nahm allen Mut zusammen, den ich besaß, als ich mich zu ihm umdrehte.
„Robert.“ sagte ich. Er wendete sich mir sofort zu und musterte mich aufmerksam.
„Ja?“ hauchte er, seine Stimme war weich und trotzdem voller Schmerz.
Wieder schluckte ich. Das was ich jetzt sagen musste würde mehr wehtun als gevierteilt zu werden – als Mensch.
„Wir müssen abreisen.“ sagte ich schließlich.
Ich muss Chris verlassen. BEVOR ich ihn umbringe!
Seine Augen weiteten sich und es dauerte ein paar Sekunden, eher er antwortete.
Ich hatte mir Antworten auf ein Wieso überlegt - sie waren alle nicht gut - aber sie mussten reichen. Doch er fragte nicht.
„Ist gut. Ich werde einen Makler für das Haus finden, wenn du noch so lange warten kannst.“ sagte er ruhig.
Offensichtlich glaubte er, dass mir die Versuchung doch zuviel geworden war. Und irgendwie hatte er damit auch nicht wirklich Unrecht.
„Danke...“ sagte ich so sanft wie möglich.
…das du es mir nicht noch schwerer machst.
Ich war wirklich dankbar – dankbar für alles, was er für mich tat. Auch wenn es nicht reichte um mehr für ihn zu empfinden. Wäre ich ein Mensch gewesen, hätte ich hoffen können, dass sich das irgendwann ändert. Aber wir änderten uns nicht. Niemals.
Trotzdem war es mir ein Trost. Ich wusste Chris würde sich ändern, er würde vergessen, er würde darüber hinwegkommen. Es tröstete mich und gleichzeitig zerriss es mich.

Der Tag verging und die Nacht ebenso. Und zwar viel zu schnell. Das, was ich jetzt tun musste, hätte ich lieber ewig aufgeschoben. Ich wusste, es würde sich anfühlen, als ob man mich bei lebendigem Leibe verbrannte. Aber ich musste es tun. Ich musste.
Meine Hände zitterten als ich zu Chris Haus fuhr.
Vielleicht war es lächerlich – möglicherweise hätte ich einfach gehen sollen. Aber das durfte ich nicht. Ich musste mich verabschieden. Ich musste ihn anlügen und weismachen, dass ich ihn nicht mehr liebte. Nur so konnten die Wunden – die seelischen Wunden – die ich hinterlassen würde, wirklich heilen.
In einiger Entfernung zu Tür parkte ich und stieg aus. Als ich bei der Tür ankam, klopfte ich sanft - ich wollte ja nicht die Tür einschlagen. Eigentlich wollte ich gar nicht hier sein. Nicht aus diesem Grund.
Sabine öffnete die Tür und sah mich überrascht an.
„Eli?“ fragte sie.
„Ist Chris da?“ entgegnete ich.
Sie sah verwirrt aus.
„Nein… und eigentlich dachte ich, er wäre bei dir…“ antwortete sie dann verwundert.
„Bei mir? Wieso das?“ fragte ich nun auch verwundert.
„Er hat einen Zettel da gelassen…“ sagte sie. „… warte ich hole ihn.“
Und schon war sie verschwunden und tauchte kurz später wieder auf, während sie vorlas, was auf dem kleinen Stück Papier in ihrer Hand stand.
„’Bin bei Eli, Chris.’“
Dann reichte sie mir den Zettel und es sah wirklich aus wie Chris Handschrift. Jeder Mensch - selbst ein Experte - hätte nicht dran gezweifelt. Aber ich wusste, dass es nicht Chris war, der das hier geschrieben hatte. Nicht zuletzt aufgrund des Geruchs, der mir von dem Zettel entgegenströmte und mich erstarren lies.
„Eli? Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte Sabine dann.
Ich schluckte und schüttelte mechanisch den Kopf, während ich ihr den Zettel wieder gab.
„Ich werde ihn suchen…“ sagte ich noch und verschwand. Ich spürte Sabines besorgte Blicke in meinem Rücken, aber das interessierte mich jetzt nicht. Das, was mich interessierte war Chris.
Diesen Geruch hatte ich schon so oft gerochen, ich kannte ihn so gut, als ob es mein eigener wäre. Bis jetzt hatte ich ihn immer als angenehm und vertrauensvoll empfunden, aber nun lies er mich mehr Angst empfinden, als ich je für mögliche gehalten hatte. Ich zitterte am ganzen Leib.
Es war Roberts Geruch.
Er war bei Chris. Er hatte an seiner Stelle diesen Zettel geschrieben. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Offensichtlich hatte er ihn entführt. Oder noch viel Schlimmeres. Ich wollte gar nicht dran denken, was er mit Chris gemacht haben könnte.
Ich erreichte den Rand des Waldes und kümmerte mich kaum drum, wie verwirrt Sabine sein musste, als sie mich - statt zu meinem Auto - hierher gehen hatten sehen. Aber ich folgte einfach meiner Nase.
Sein Geruch war noch frisch – Robert hatte sich keine Mühe gemacht, seine Spur zu verwischen. Offensichtlich wollte er, dass ich ihm folge. Und das tat ich auch.
Ich wurde immer schneller, als sich die Bedeutung dessen, was ich gerade erfahren hatte, immer mehr verstand.
Chris war in Gefahr – in der größten Gefahr, die man sich vorstellen konnte. Er war in der Gewalt eines eifersüchtigen Vampirs.
Enttäuschung mischte sich mit meiner Angst. Wie konnte mir Robert das nur antun? Wusste er nicht, wie sehr es mich verletzen würde, wenn er Chris etwas antat? Oder war seine Eifersucht soviel stärker? Wusste ich das vielleicht die ganze Zeit und hatte Chris deshalb vor ihm verheimlicht? Oder war er so erzürnt darüber, dass ich es ihm verheimlich hatte – dass er, als er es herausfand, diesen Weg wählte?
Verzweiflung langte nach mir und verschlang mich. Sie zog mich immer tiefer und ich fühlte mich, als würde ich ertrinken. Etwas, das unmöglich war, schließlich war ich ja ein Vampir.
Es war so lange her, dass ich meine Grenzen ausgekostet hatte, doch nun tat ich es - ich lief so schnell ich konnte und folgte der dunklen Spur immer tiefer in den Wald hinein.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter mir und drehte mich reflexartig um.
„Eli.“ sagte Robert, der zwischen den Bäumen auftauchte und mich mitleidig ansah.
„DU!“ schrie ich ihn an. „Was hast du mit ihm gemacht?!“
Ich war außer mir vor Wut. Sollte er Chris irgendwas angetan haben, könnte ich ihm das niemals verzeihen. All die Jahre bedeuten plötzlich nichts mehr. Seine Güte - mir gegenüber - bedeute nichts mehr. Da war nur noch Hass. Brennender, alles verzehrender Hass.
Doch anstatt meine Frage zu beantworten seufzte er nur und sah mich noch mitleidiger an.
Die Wut in mir wuchs und wuchs und ich hatte das Gefühl, sie würde mich jeden Augenblick zerreißen.
„Wenn du ihm etwas angetan hast…“ zischte ich bedrohlich. „…werde ich dich eigenhändig in Stücke reißen!“
Im selben Moment nahm ich eine Angriffshaltung ein, aber er schüttelte nur den Kopf.
„Ist er dir so wichtig? So wichtig, dass du selbst mich töten würdest?“
Für einen kurzen Moment schnitten sich seine Worte tief in meine Brust. Ich war undankbar, das wusste ich. Furchtbar undankbar, aber das war mir in dem Moment egal. Ganz egal.
Er sah meinen vor Wut irre geworden Blick und seufzte.
„Ich habe ihn nicht getötet.“ sagte er und sofort breitete sich Erleichterung in mir aus und ich entspannte mich etwas.
„Er ist in einer Hütte am Berghang.“ sagte Robert dann und Schmerz erfüllte seinen Blick.
Ich sah sofort in die Richtung, in die er wies und war schon im Begriff zu Laufen, als ich Roberts letzte Worte vernahm.
„Leb wohl, Eli!“ sagte er schmerzverzerrt und verschwand hinter mir.
Doch ich kümmerte mich nicht darum – das Einzige, das mich interessierte – war Chris.
Wieder lief ich - so schnell ich konnte - durch den Wald in Richtung des Berghangs.
Was hatte Robert nur getan? Er hatte ihn nicht getötet – zuminderst hatte er das gesagt. Ich kam mir plötzlich wie ein Idiot vor, dass ich ihm so blind geglaubt hatte. Was sprach dafür, dass ich ihm nach alle dem, was er getan hatte, noch glaubte?
Ich hatte ihn entkommen lassen, möglicherweise die einzige Chance auf Rache für Chris’ Tod. Schmerzhaft zog es meine Brust bei dem Wort ‚Tod’ zusammen, aber der Gedanke an Rache war stärker als der Schmerz.
Und ich hätte mich wohl sofort umgedreht und wäre zurück gelaufen um genau die zu nehmen – die Rache. Doch nun roch ich Chris süßen Duft in der Luft und die Sehnsucht nach ihm war stärker als alles andere.
Vor mir tauchte die besagte kleine Hütte auf – Robert hatte also zuminderst zu einem Teil die Wahrheit gesagt. Doch was würde mich darin erwarten?
Ein schriller Schrei drang an meine Ohren und obwohl seine Stimme durch Schmerz verzerrt war, erkannte ich sie.
Es war Chris’ Stimme. Sie schnitt sich in mein Innerstes und fraß sich durch meinen Körper wie Säure.
Oh, Nein. Nein! NEIN!
Bei der Tür angekommen, zerrte ich diese auf und hatte sie damit aus den Angeln gerissen. Aber das interessierte mich nicht, ich warf sie achtlos zur Seite.
Und dann sah ich Chris und presste meine Hand auf meinen Mund, während ich die Augen erschrocken weitete.
Er lag blutend am Boden und wand sich vor Schmerzen. Immer wieder drangen gequälte Schreie aus seinem Mund und halten in dem Raum wieder.
Ich war erstarrt von dem Schrecken vor meinen Augen – unfähig einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Mein Körper fühlte sich taub an. Pures Entsetzen durchdrang mich – so stark, das ich nicht einmal Schmerz empfinden konnte. Aber der würde noch kommen – später und dafür umso heftiger, das wusste ich.
Und dann sah ich es… und sank auf die Knie.
Ein Biss – nein, nicht nur einer – unzählige – verunzierten Chris’ Unterarme.
Robert hatte ihn gebissen – es war das Gift, das ihn so quälte.
Ich wollte schreien, aber kein Laut verließ meine Lippen. Zu entsetzlich war das, was sich hier abspielte.
„E.. Eli.“ hörte ich Chris’ schwache Stimme, während er mir seinen Kopf leicht zudrehte.
„Es tut mir so leid…“ flüstere ich, während ich mich vornüber beugte und schließlich verzweifelt am Boden kauerte. Es war zu spät. Es war unaufhaltsam – meine Liebe zu ihm hatte sein Leben unwiderruflich zerstört.