Freitag, 19. Juni 2009

10. Familie

Da saß ich also. Mitten in der Küche von Chris Zuhause und ich war nervös wie ein kleines Kind an seinem ersten Schultag.
Chris hatte mir erzählt, dass seine Mutter und sein kleiner Bruder erst gegen 14 Uhr wieder daheim sein würden - wir würden einfach auf sie warten. Sein Vater aber würde erst gegen Abend heim kommen. Ich hatte also noch eine Gnadenfrist.
„Stört dich das?“ sagte Chris, als er sich etwas aus dem Kühlschrank nahm.
Ich verdrehte die Augen.
„Nein, iss einfach, Chris.“ sagte ich dann.
Er grinste und setzte sich mit einem Plastikgeschirr an den Küchentisch. Dann nahm er den durchsichtigen Deckel ab und ich sah mir an, was er da zu essen gedachte.
Ich hatte mich nie viel für Menschen-Essen interessiert, aber ich wusste, dass ich das sicher noch nie gesehen hatte. Seltsame, weiße Kügelchen mit irgendetwas komischen drauf, das nach Fisch roch. Ich rümpfte die Nase.
„Was ist das?“ fragte ich ihn, als er eines der Dinger in eine dunkle Sauce tauchte und aß.
„Sushi.“ sagte er grinsend nachdem er hinunter geschluckt hatte.
Sushi? Noch nie gehört.
„Das riecht wie roher Fisch.“ sagte ich angewidert.
Er grinste noch breiter. „Das ist roher Fisch.“ antwortete er dann.
Ich riss entsetzt die Augen auf.
„Das ist ja ekelhaft!“ rief ich dann. Könnte ich mich übergeben, dann hätte ich es jetzt wohl getan.
Er lachte.
„So etwas von jemanden, der Blut trinkt.“ gluckste er.
Ok, wo er Recht hat, hat er Recht. Aber trotzdem…
„Das ist was anderes…“ sagte ich eingeschnappt.
Offensichtlich amüsierte ihn das wirklich, er grinste nämlich noch breiter als sonst.
Dann hörte ich Schritte auf dem Gehweg vor dem Haus und dann wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde.
„Ah, das wird Peter sein.“ sagte Chris und räumte schnell die Überreste seines Essens weg.
Ich schaute zu Tür und sah einen kleinen Jungen, der wie eine Miniatur-Ausgabe von Chris aussah und mich neugierig anschaute.
„Hi, Pet.“ sagte Chris, nachdem er sich von dem Mistkübel wieder zu uns umgedreht hatte.
„Hi, Chris.“ sagte dieser und schaute zu Chris, lugte aber im Augenwinkel zu mir hinüber.
„Das ist meine Freundin, Eli.“ sagte Chris und deute in meine Richtung. In seiner Stimme schwang eindeutig Stolz mit.
Peter schaute mich noch einmal vorsichtig an und sagte dann: „Hi, Eli.“
„Hi, Peter.“ antwortete ich so freundlich wie möglich. Ich wollte ihn nicht auch so verschrecken wie Sandra.
Offensichtlich funktionierte es, denn nun lächelte Peter und es erinnerte mich sehr an seinen großen Bruder. Die zwei waren sich wirklich ähnlich.
Dann hörte ich wieder Schritte und kurz später stand eine Frau mittleren Alters in der Küche.
Sie hatte honigfarbene Haare und ihre Augen ähnelten denen von Chris sehr. Ich hatte sie noch nie gesehen, aber natürlich wusste ich trotzdem sofort wer sie war.
„Hi, Mam.“ sagte Chris zu der Frau.
„Das ist Eli.“ stellte er mich noch mal vor, als seine Mutter etwas verwirrt wirkte.
Dann sah sie mich an und lächelte. Es war ein warmes und freundliches Lächeln, das einem das Gefühl von Geborgenheit gab.
„Hallo Eli.“ sagte sie weich. „Ich bin Sabine. Es freut mich, dich endlich kennen zu lernen.“
„Danke, Sabine. Es freut mich auch.“ sagte ich freundlich und stand dabei vom Tisch auf.
Eine Sekunde überlegte ich, ob ich ihr nicht die Hand geben hätte sollen. Es wäre höflicher gewesen, aber ich wollte nicht, dass sie meine kalte Haut spürte.
Es war alles wirklich seltsam, auch wenn erleichtert war, da mich Peter und Sabine offensichtlich mochten.
„Ich zeig dir dann den Rest vom Haus.“ sagte Chris und deutete mir zur Treppe.
Er hatte mich gerettet, denn ich hätte nicht mehr gewusst, was ich sagen hätte sollen.
„Ok.“ sagte ich zu ihm.
Dann drehte ich mich zu Peter und Sabine um.
„Bis später.“ sagte ich lächelnd.
„Bis später.“ sagte Sabine und lächelte liebevoll.
„Deine Mutter ist sehr nett.“ sagte ich zu Chris, als wir außer Hörweite waren.
„Sie mag dich.“ antworte er lächelnd. Er war vollkommen davon überzeugt.
„So, da sind wir.“ sagte er dann grinsend, als er eine Tür aufmachte. „Mein Zimmer.“
Es passte wirklich zu Chris. Es lag alles Mögliche verstreut – Bücher, CDs, Klamotten, aber trotz dieser Unordnung war es sehr wohnlich und angenehm.
„Mit der Ordnung nimmst du es nicht so genau?“ neckte ich ihn, als ich mich auf den Rand des ungemachten Bettes setzte.
„Nur das Genie beherrscht das Chaos.“ antworte er grinsend.
„Dann musst du wohl der intelligentste Mensch der Welt sein.“ erwiderte ich ebenfalls grinsend.
Der wundervollste bist du auf jeden Fall.
Er lachte.
„So schlimm ist es auch wieder nicht.“ gluckste er dann.
„Vielleicht.“ sagte ich immer noch grinsend.
„Und, was möchtest du jetzt machen?“ fragte er dann.
„Ähm… keine Ahnung.“ sagte ich dann verwirrt.
„Wir könnten eine DVD schauen… das du Shrek nicht kennst.“ Mit gespielter Empörung schüttelte er den Kopf, während er noch breiter grinste. „Das ist eindeutig eine Bildungslücke!“
„Ok, wenn du meinst.“ sagte ich lachend.
Er holte sich noch etwas Popcorn von unten und dann legte er die DVD – nachdem er diese ausgegraben hatte – in den Player.
„Das ist ja ein Zeichentrinkfilm.“ sagte ich, kurz nachdem der Film begonnen hatte, empört.
„Nein.“ sagte er grinsend. „Das ist ein computeranimierter Film.“
„Das ist dasselbe.“ erwiderte ich.
„Hey, mach meinen Lieblingsfilm nicht nieder… sonst…“ begann er. Er versuchte, es bedrohlich klingen zu lassen, aber er musste lachen.
„Was sonst?“ ging ich grinsend drauf ein.
„Sonst bewerfe ich dich mit Popcorn!“ lachte er.
Und ich lachte auch, nur lauter.
„Du glaubst doch nicht etwas, dass du mich triffst, oder?“ erwiderte ich frech.
„Versuchen kann ich es ja!“ sagte er und lachte jetzt auch lauter, während er sich offensichtlich versuchte, sich spielerisch auf mich zu stürzen.
Ich hatte erwartet, dass er abbremste, bevor er mir zu nah kam, aber das tat er nicht. Er krachte mit seiner Stirn genau gegen meine.
„Aua.“ schrie er auf und hielt sich eine Hand an den Kopf.
„Mann, Eli, dass du stur bist, weiß ich ja, aber das du so einen harten Kopf hast...“ lachte er dann gleich wieder.
Doch das nahm ich nur am Rande wahr. Meine Augen fixierten seine Stirn und ich hielt reflexartig meinen Atem an. Dann erstarrte ich zu einer Statue, als züngelndes Feuer, nein, pures Lava, in meiner Kehle breit machte.
„Eli?“ fragte Chris dann verwundert. „Was ist los…?“
Doch ich konnte den Mund nicht aufmachen, ich wollte es auch nicht.
Er nahm seine Hand von der Stirn und betrachtete die rote Flüssigkeit auf seinen Fingern, die in mir ein tiefes Verlangen auslöste. Die Mörderin in mir schrie lauter als je zuvor.
„Oh.“ sagte er, als er verstand.
Ich muss hier weg.
Im nächsten Moment sprang ich auf und rannte aus dem Zimmer und blieb neben der Tür stehen.
„Eli?“ rief er mir nach.
„Es tut mir so leid, Chirs.“ sagte ich und meine Glockenstimme brach dabei fast.
„Nein, Eli, mir tut es leid… es war meine Schuld.“ sagte er während ich ihn nach irgendetwas suchen hörte.
„Trotzdem, ich hätte nicht…“ schluchzte ich schon fast.
„Schon gut.“ sagte er während er zur Tür hinaus kam. Ein Pflaster klebte auf seiner Stirn und er roch nach Desinfektionsmittel.
„Zuminderst hast du mich nicht ausgesaugt.“ sagte er leicht lächelnd. „Das wäre Mist gewesen.“
Mist gewesen? DAS ist die Untertreibung das Jahrhunderts!“ schrie ich ihn an.
Er zuckte nur mit den Schultern.
Wie konnte nur so leichtsinnig… so gedankenlos sein? War ihm sein Leben nichts wert?
„Ich gehe jetzt besser.“ sagte ich dann und wand mich in Richtung Treppen.
„Sorry, Eli.“ sagte er, machte aber keine Anstalten, mich aufzuhalten.
Er merkte wohl, dass das sinnlos gewesen wäre.
„Sorry, Chris.“ flüsterte ich so leise, dass er es nicht hören konnte und ging.