Freitag, 19. Juni 2009

1. Die rote Nacht

Ich schreckte aus meinem Bett hoch, als ich einen ohrenbetäubenden Knall hörte. Mein Bett zitterte und schüttelte mich durch. Als ich aufgestanden - oder eher gesprungen war - merkte ich, dass es nicht nur das Bett war, nein, der ganze Raum zitterte! Verängstigt und verwirrt schaute ich mich um und mein Blick blieb kurz am Fenster hängen. Ich sah ein rotes Leuten und brauchte einige Sekunden bis ich es auf ein großes Feuer zurückführen konnte. Automatisch trat ich einen Schritt zurück, als plötzlich mit einem Schwung die Tür aufgerissen wurde und General Jaton hereinstürmte. Angst und Verzweiflung stand auf sein Gesicht geschrieben, seine Rüstung hatte einige Schrammen und war dreckig – genau wie sein Gesicht. Das passte überhaupt nicht zu ihm, sonst war immer so ordentlich. Irgendwas schreckliches passierte gerade und zu mehr als dieser Erkenntnis war ich nicht im Stande, ich stand wie geschockt da.
„Schnell, Prinzessin, kommt.“ fuhr er mich an, griff nach meinem Handgelenk und zerrte mich aus dem Zimmer. Ich war so perplex, dass ich um Haar über meine eigenen Füße gestolpert wäre, aber er zog mich weiter, ohne drauf zu achten. Er rannte mit mir durch die Gänge und schließlich konnte ich den Blick wieder vom Boden lösen und schaute durch die Fenster.
Ein Schreckenslaut entfuhr meinen Lippen und ich riss die Augen auf. Abrupt blieb ich stehen und glaubte, meine verängstigte Fantasie spielte mir einen Streich. Ein Drache. Riesig, fast so groß wie das ganze Schloss schwebte am Himmel und spiee unablässig Feuer herunter. Dann sah ich noch einen, nicht ganz so groß und noch einen. Es waren unzählige und sie griffen uns an. Ich spürte, wie ich am ganzen Körper zu zittern anfing, die Angst kroch mir eiskalt den Rücken hoch. Unmöglich, das gibt es nicht, das ist ein Traum!
„Prinzessin, wir müssen weiter, Ihr müsst fliehen!“ riss mich Jaton aus meinen Gedanken, doch ich war nicht fähig noch einen einzigen Schritt zu gehen!
Plötzlich hörte ich ein Krachen, viel näher als der Kampflärm, der von draußen herein kam. Dieses Geräusch kam aus nächster Nähe. Instinktiv zuckte ich zurück, meine Hände wurden schweißnass und erst jetzt fiel mir auf, dass sie ganz kalt geworden waren.
„Verflu…“ stieß Jaton aus und schaute in die Dunkelheit vor uns. Er ließ meine Hand los und zog sein Schwert.
Ängstlich schaute ich in Dunkelheit – es kam mir vor, als würde sie sich immer weiter ausbreiten, nach mir langen um mich zu verschlingen. Dann sah ich eine Gestalt aus dem Schatten treten. Er überragte Jaton um gut einen Kopf, seine Haut war blass und in seine roten Augen lag pure Mordlust. Um seine Lippen spielte ein gehässiges Grinsen, als er Jaton vor sich sah – er hatte keine Angst, im Gegenteil, er fand ihn nur amüsant - wie eine Katze, die eine Maus beobachten würde, die versucht die Katze zu erlegen. Das silberne Haar des Fremden glänzte im Licht, das durch die Fenster herein fiel. Es stand ganz im Gegensatz zum Rest seines Körpers, der jung wirkte und wunderschön war, aber überaus mächtig in seiner schweren Rüstung. Mein Instinkt sagte mir, dass ich hier keinen Mensch vor mir hatte, seine Bedrohung lag in der Luft.
„Du wirst sie nicht anrühren, Dämon!“ schrie Jaton und stürmte auf den Fremden zu. Es ging viel zu schnell, als das ich gesehen hätte, was genau passiert. Ich sah nur noch das bösartige Grinsen das Fremden, rotes Blut, das verspritzt wurde und wie Jatons lebloser mit einem dumpfen Geräusch in die Ecke flog.
Entsetzt riss ich die Augen auf und zitterte am ganzen Körper. Das war es nun. Mein Ende. Die Endgültigkeit dieser Worte drang durch meinen Kopf und ließ keine anderen Gedanken mehr zu. Keinen Gedanken an Flucht, keinen Gedanken an einen Hilfeschrei. So stand ich nun da und starrte meinem Tod in die Augen.
„Folg mir!“ befahl der Fremde mit einem schneidenden Ton. Ohne dass ich es bewusst entschieden hätte, gehorchte ich. Sein ganzes Wesen ließ keine Widerworte zu. Oder war es mein Überlebensinstinkt? Die wage Hoffnung, nicht zu sterben, würde ich gehorchen? Ich wusste es nicht, ich folgte ihm einfach, ohne darauf zu achten, wohin wir gingen. Sein abruptes Stehenbleiben riss mich aus meinen Gedanken und ich erkannte die Tür, vor der wir standen. Der Tronsaal. Er nahm meine Hände fest in seine und ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich wollte schlucken, aber es blieb mir im Hals stecken. Plötzlich spürte ich, wie sich Eisenfesseln um meine Handgelenke legten und ich sah verwirrt auf. Natürlich wusste ich, dass ich nun eine Gefangene war – aber ich wusste, genauso gut wie er, dass mir eine Flucht ohnehin nicht gelingen würde. Wozu also?
Mein Blick traf seinen und ich schaute sofort wieder weg, denn seiner war zutiefst hasserfüllt – so sehr, dass ich noch mehr zitterte, als er sich tief in meine Seele bohrte. Dann öffnete er die große Tür und scheuchte mich vor sich her in den Raum.
Ich hörte wie sich die Tür hinter mir schloss und drehte mich kurz um, um zu sehen, dass er vor der Tür stehen blieb.
Dann hörte ich von der anderen Seite eine Stimme – sie klang verführerisch, aber gefährlich. Sehr gefährlich. Wieder lief mir ein kalter Schauer über den Rücken.
„Sehr gut, Laures.“ sagte die Stimme.
Ich ließ meinen Blick vor mir gleiten um den Ursprung der Stimme zu finden. Er glitt über den Marmorboden über den rot-goldenen Teppich bis zu den Treppen des Throns.
Ein spitzer Schrei entfuhr meinen Lippen, als ich ihn auf den Treppen liegen sah. Meinen Vater - blutüberströmt und leblos. Es dauerte einige Sekunden, bis ich das ganze Ausmaß begriff. Sein Kopf war nicht dort, wo er hingehörte. Er lag am Boden vor den Stufen, er war heruntergerollt und die vor Entsetzen aufgerissen, leeren Augen starrten mich an. Geköpft.
Unwillkürlich war ich ein paar Schritte zurückgewichen, Tränen liefen mir über meine Wangen. Mein Vater und ich hatten nie ein enges Verhältnis, so war das in der königlichen Familie nun mal, ich hatte mich dran gewöhnt. Aber er war mein Vater und auf eine seltsame Art liebte ich ihn trotzdem.
„Du kannst uns nun alleine lassen.“ sagte die Stimme wieder und riss mich aus meinen Gedanken. Wie von selbst wanderte mein Blick nun von meinem Vater zu seinem Thron. In ihm saß er. Der Mann zu der Stimme. Der Mann, der wahrscheinlich meinen Vater getötet hatte. Doch als ich ihn sah, stellte es alles in den Schatten, was ich mir hätte vorstellen können. Er trug eine tiefschwarze Rüstung mit silbernen Verzierungen. Seine Haut war ebenso blass wie die von Laures, aber seine Augen waren nicht rot – nein, sie waren schwarz wie die Nacht. Schwarz wie sein langes Haar, das er offensichtlich im Nacken zusammengebunden hatte. Mit einer geschmeidigen Bewegung stand er vom Thron auf und kam auf mich zu. Er war schön, zu schön für einen Menschen. Seine Bewegungen glichen der einer Raubkatze – anmutig, schön… und tödlich.
Ein Teil von mir wollte flüchten, so schnell es ging. Aber ich konnte mich nicht rühren, ich war wie erstarrt und blickte ihn voller Angst an. Er lächelte finster, als er auf mich zukam. Aber ich hörte seine Schritte nicht, kein Geräusch war zu hören, außer dem Geräusch meiner Ketten, weil ich so sehr zitterte.
Als ich er vor mir stand und auf mich herabblickte – er war sicher genauso groß wie Laures – schluckte ich geräuschvoll.
„Hast du Angst?“ fragte er mit einem bedrohlichen Unterton.
Da ich unfähig war, nur ein einziges Wort zu sagen, nickte ich stumm.
Er lächelte mich immer noch an als er schließlich sagte: „Solltest du auch…“
Plötzlich drehte sich alles, Blut rauschte mir in die Ohren. Wieder war ich mir meines Todes sicher. Ganz sicher. Noch sicherer als im dunklen Gang nur kurz zuvor.
Im Augenwinkel sah ich wie er einen Dolch zog, aber mein Blick war von seinem gebannt. Ich wurde ganz starr, ich machte mich bereit und betete in Gedanken, dass es nicht zu schmerzvoll werden würde.
Ich merkte nicht, wie der Dolche durch die Luft sauste und auch nicht, wie ich zu Boden gerissen wurde. Erst als ich am Boden lag und die Hände über meinem Kopf hatte, wurde mir bewusst, was er getan hatte. Er hatte die Klinge durch ein Glied meiner Fesseln gestoßen, ihn dann in den Boden gerammt, so dass ich wehrlos am Boden lag. Noch wehrloser als zuvor.
Er kniete über mir und lächelte mich finster an. Im selben Moment wusste ich, was er vorhatte. Wieso ich noch am Leben war. Und das meine Gebete nicht erhört worden waren. Mir war kein schneller, schmerzloser Tod vergönnt. Nein, es würde lang und grausam werden. Er würde sich mit mir vergnügen, bevor mich tötet. Mir wurde schlecht.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, riss er mir die Kleider vom Leib. Seine Hand fuhr meinen Körper entlang, während ich meinen Kopf zur Seite drehte und unzählige Tränen über meine Wange zu Boden flossen.
Ich wartete drauf, dass mehr passierte und hoffte immer noch, dass es schnell gehen würde. Aber es passierte nichts. Schließlich drehte ich ihm meinen Kopf wieder zu und schaute durch meinen Tränenschleier zu ihm auf. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden und er wirkte gequält. Er wand den Blick von mir ab, zog den Dolch dem Boden. Dann nahm er seinen langen Umhang ab und warf ihn mir zu.
„Bedeck dich!“ sagte er schroff.
Gedankenverloren ging ich seinem Befehl nach, während ich versuchte meine Gedanken zu ordnen. Was war passiert? Oder besser gesagt, warum war es nicht passiert? War ich ihm nicht schön genug? Aber warum lebte ich dann noch? Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen, aber die Unwissenheit machte mir fast noch mehr Angst. Nicht zu wissen, was mich nun erwartet. Wieder lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
„Laures.“ rief er verärgert, während er sich aufrichtete.
„Ja, Herr?“ sagte dieser, als er durch die Tür kam.
„Bring sie runter zu dem Wagen. Ich nehme sie mit!“
Laures sah seinen Herrn verwirrt an, aber er fing sich sofort wieder.
„Wie ihr wünscht, Herr.“
Er wandte mir den Blick zu und wieder traf mich ein hasserfüllter Blick, dieses Mal lag auch noch Wut drin.
Ich schreckte zurück, aber dann drehte er sich um und ich stand auf, um ihm zu folgen.
Meine Gedanken flogen zusammenhanglos durch meinen Kopf, als ich zu begreifen versuchte, was gerade passiert ist. Meine Hände und Füße fühlten sich an, als wären sie in Eiswasser getaucht und kalter Schweiß überzog sie, während Panik in mir Aufstieg. Was würde als nächstes passieren? Aus welchem sadistischen Grund hatte er mich wohl am Leben gelassen?
Ich schluckte bei dem Gedanken und das Geräusch, das ich dabei produzierte erschreckte mich selbst so, das ich zusammen zuckte. Würde er mich foltern? Und wenn ja, wie? Ich wollte nicht dran denken, aber ich konnte meine Gedanken auch nicht davon lösen.
So in mich versunken, hätte ich um ein Haar nicht bemerkt, das Laures stehen bleib und ich wäre in ihn hingelaufen.
Vor mir stand eine schwarze Kutsche und die Tür stand offen. Ich schaute zuerst sie und dann Laures ungläubig an.
„Steig ein!“ befohl er mir und ich nickte, bevor ich dem Befehl nachkam.
Er schloss die Tür hinter mir mit einem Knall, der mich zusammen zucken ließ und verschloss sie dann. Nun war ich endgültig gefangen.
Ich hörte ihn weggehen und schob mich dann zu dem winzigen Fenster, das in der Tür eingeschlossen war. Im selben Moment setzte sich der Wagen in Bewegung und ich spähte aus dem Fenster, zurück zum Schloss, das einst so schön gewesen war. Nun lag es in Trümmern und hohe Flammen stiegen empor, während es unablässig von großen, bedrohlichen Drachen umkreist wurde.
Zerstört. Alles was ich kannte, war zerstört und jeder den ich kannte… war vermutlich tot. Wieder stieg Panik in mir auf und Tränen flossen mir über die Wangen, als Annis liebevolles Gesicht vor meinem inneren Auge auftauchte. Ich hörte plötzlich ein Schluchzen und es dauerte einige Sekunden, bevor ich merkte, dass dieses Geräusch aus meinem tiefsten Innersten kam. Immer mehr Tränen flossen mir über das Gesicht und verschleierten meine Sicht, doch das Glühen der Flammen sah ich selbst durch diese neblige Wand noch. Mein ganzer Körper zitterte, ich wusste nicht, wie lange schon, denn ich merkte es erst, als ich mich zusammengekrümmt hatte und es endlich schaffte, den Blick von meiner zerstörten Heimat abzuwenden.
Plötzlich war es mir ganz egal, was für ein Schicksal – was für eine Folter - mich erwartet, es konnte nicht schlimmer sein als das, was ich jetzt fühlte. Einsamkeit. Schmerz. Verlust. Trauer.
Ich hatte mein Leben nicht gemocht, doch nun hätte ich alles dafür gegeben, es wieder zu haben. Dumpf erinnerte ich mich an eine Weisheit, die mir immer albern vorgekommen war.
‚Man weiß erst zu schätzen, was man hat, wenn man es verloren hat.’
Wie wahr! Nur die Erkenntnis kam zu spät. Ich hatte schon alles verloren, ich hatte nicht mehr zu geben.
Es fühlte sich an, als würde man mich bei lebendigen Lebe verbrennen und zerreißen. Ich krümmte mich so fest zusammen, wie es ging, als mir noch mehr Tränen über die Wangen flossen und schluchzte wieder. Immer und immer wieder. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit bis mich meine Müdigkeit übermannte und ich in die schrecklichsten Alpträume abglitt, die ich je gehabt hatte.